46  Volksschulwesen.

der  Rheinisch-Westfälischen  Monatsschrift  von  Rossel  der  Vorstellung  Raum  gegeben
hatte,  als  habe  die  Unterrichtsverwaltung  kein  oflenes  Auge  für  die  vorhandenen
Übelstände.

In  einem  sehr  beachtenswerten  Artikel  im  5.  Bande  der  Rheinisch-Westfälischen
Monatsschrift  lenkte  der  Seminardirektor  Adolf  Diesterweg  die  allgemeine  Aufmerksamkeit
auf  die  Not  der  in  den  Fabriken  beschäftigten  Kinder.  Wir  entnehmen  seinem  Aufsatze
folgende  Stellen  :

a)  „vergegenwärtigen  wir  uns  die  Art  der  Beschäftigung  der  Kinder  in  den
Fabriken,  und  vergleichen  wir  sie  mit  dem,  was  die  Natur  des  Kindes  will,  und  was
geachtet  werden  muß,  wenn  das  spätere  Alter  mit  einem  gesunden  l«ib  und  einem  gesunden
  Geist  ausgerüstet  sein  soll!  Wir  sprachen  hier  immer  von  dem,  was  als  Regel  gilt,
die  Möglichkeit  und  Wirksamkeit  einzelner  seltener  Ausnahmen  gern  und  mit  Freuden
gestattend  und  preisend.

Im  Sommer  um  5  oder  6  Uhr,  im  Winter  um  6  oder  7  oder  sobald  es  Tag  ist,
ruft  die  Glocke  das  Kind  in  die  Fabrik.  An  den  meisten  Fabrikaten  kann  das  Kind
vom  8.  oder  9.  Jahre  an  gebraucht  werden.  Sobald  es  in  dem  Fabrikhause  angekommen
ist,  geht  es  an  die  Maschine  und  verrichtet  sein  (zeschäft.  Meist  ist  es  eine  Arbeit,  einfach
  und  leicht,  immer  eine  und  dieselbe,  vom  Morgen  bis  zum  Mittage.  Wo  noch  eine
kleine  Abwechselung  stattfindet,  da  ist  sie  doch  so  unbedeutend,  daß  sie  nach  wenigen
Tagen  zum  einförmigsten  Mechanismus  wird.  Nur  im  Anfange  bedarf  es  zur  genügenden
Verrichtung  seiner  Geschäfte  der  Aufmerksamkeit;  nach  kurzer  Zeit  spinnt  und  spult,
klopft  und  hämmert  es  maschinenmäßig  fort,  von  Minute  zu  Minute,  von  Stunde  zu
Stunde,  bis  die  Mittagglocke  die  Arbeiter  eine  Stunde  entläßt.  Das  Kind  eilt  nach
Hause,  verzehrt  sein  mageres  Mittagbrot,  wandert  um  1  Uhr  wieder  seinem  Kerker  zu,
beginnt  da  und  damit,  wo  es  eine  Stunde  vorher  aufhörte,  und  setzt  seine  Tätigkeit  von
Minute  zu  Minute,  von  Stunde  zu  Stunde,  bis  um  7  oder  8  Uhr  am  Abend  fort.  Die
meisten  Arbeiten  fordern  entweder  ein  beständiges  Sitzen  oder  ein  beständiges  Stehen,
zuweilen,  im  besseren  Falle,  wechselt  Sitzen  und  Stehen  ab.

b)  „Aber,  wie  lange,“  fragte  ich  einen  Fabrikherrn,  bei  welchem  in  einem  großen
Saale  mehr  als  70  Kinder  eng  zusammen  sitzend  spannen,  „wie  lange  arbeiten  die  Kinder
täglich?“  —  „Zehn  Stunden“,  antwortete  er.  „la  haben  Sie  wohl  Mühe,  bis  Sie  die
unruhige  Jugend  zum  Schweigen  und  Arbeiten  bringen?“  „Ja  wohl,  anfänglich  wollen  sie
nicht  d’ran,  aber  dann  bekommen  sie  bisweilen  etwas  (er  machte  eine  gewisse  Bewegung
  mit  der  Hand),  und  in  einem  halben  Jahre  sind  sie  gewöhnt,  wie  Sie  sehen!“  —
Ich  sah!  Verlumpt  und  bleich  und  krüppelhaft  saßen  die  Kinder  da!  Durch  die  Seele
ging  mir  des  Mannes  kaltes,  hartes  Wort  und  dieser  Anblick!

c)  Ein  gebildeter  Fabrikherr  aus  der  Ruhr-Gegend,  welcher  gerade  zu  mir  kam,
als  ich  diesen  Aufsatz  durchsah,  erzählte  mir,  daß  in  seiner  eigenen  Fabrik  die  Kinder
von  morgens  4  bis  8,  von  9  bis  12  und  nachmittags  1  bis  8  Uhr,  also  täglich  14  Stunden,
arbeiteten.  Er  bestätigte  die  Roheit  der  Fabrikarbeiter  und  gestand  alles  zu,  was  in  dem
vorhergehenden  Aufsatze  über  den  Zustand  der  Fabrikkinder  gesagt  wurde.  Auch  wünscht
er  eine  Abänderung  des  Zustandes  dieser  Kinder  und  ist  bereit,  dazu  Hand  zu  bicten,
nur  müsse  es  gemeinsam  geschehen,  weil  der  einzelne  sonst  gegen  alle  anderen  Fabrikherren
  in  großen  Nachteil  käme.  Nein  Vorschlag  war  der,  die  Kinder  erst  nach
vollendetem  10.  Jahre  jeden  Tag  einen  halben  Tag  (4  Stunden)  in  die  Schule  zu
schicken,  jedoch  so,  daß  ein  Teil  des  Morgens,  der  andere  des  Nachmittags  in  dieselbe
  ginge.“

Das  Verhalten  der  örtlichen  Behörden  zeigte  vielfach  stumpfe  Ergebung  oder
Freude  an  kleinen  Fortschritten.  So  wird  hinsichtlich  der  Kinder  bei  einem  Berg-  und
llüttenwerk  im  Standesgebiet  Wied-Runkel  bemerkt:  „Da  sie  aus  der  ärmsten  Klasse
penommen  werden,  so  würden  sie  ohnehin  die  Schule  nicht  besuchen,“  und  aus  dem
Düsseldortischen  wird  gerühmt:  „Die  Zahl  der  steten  Nachtarbeiter  beträgt  jetzt  nur  125.