196  Volksschulwesen.

Kenntnisse  des  Systems  zu  übermitteln,  noch  die  Aufgabe,  sie  mit
vorwiegend  praktischen  Kenntnissen  aus  dem  Gebiete  der  Technik,
des  Handels  und  Gewerbes  auszurüsten.  Er  wird  diese  beiden
Forderungen  nicht  völlig  vernachlässigen,  aber  auch  nur  so  weit  berücksichtigen,
  als  dies  im  Rahmen  der  Hauptaufgabe  zweckmäßig
erscheint.“

Unter  den  neueren  Lehrplänen  verdient  der  kürzlich  eingeführte
Lehrplan  für  die  achtstufigen  Berliner  Gemeindeschulen  hinsichtlich
  seiner  methodischen  Vorschriften  besondere  Beachtung.

Die  methodischen  Grundsätze  für  den  Zeichenunterricht  in
diesem  Berliner  Lehrplane  bedeuten  die  Einführung  eines  ganz
neuen  Verfahrens  und  eine  Umwälzung  auf  diesem  Unterrichtsgebiete,
deren  Tragweite  nur  derjenige  ermessen  kann,  der  längere  Zeit  nach
dem  bisherigen  Verfahren  gearbeitet  hat.

Die  seit  1887  in  den  preußischen  Volksschulen  eingeführte
Methode  gründet  sich  auf  das  Werk  des  Schulrats  für  das  Gewerbe-Schulwesen
  in  Hamburg,  Dr.  A.  Stuhlmann,  „Leitfaden  für  den
Zeichenunterricht  in  den  preußischen  Volksschulen  mit  drei  und
mehr  aufsteigenden  Klassen“.  Diese  Schrift  besteht  aus  3  Teilen;  der
erste  behandelt  das  Netzzeichnen,  der  zweite  das  freie  Zeichnen  ebener
Gebilde,  der  dritte  das  freie  Zeichnen  nach  körperlichen  Gegenständen.
  Als  Lehrmittel  für  den  2.  Teil  dienen  Wandtafeln  mit
geradlinigen  Formen,  mit  krummlinigen  Formen,  welche  sich  auf
das  regelmäßige  Sechseck  und  Achteck  zurückführen  lassen,  und
Wandtafeln  mit  gerad-  und  krummlinig  begrenzten  und  krummlinigornamentalen
  Flächenformen.  Zum  3.  Teile  gehören  regelmäßige
Holzkörper  und  Schattierungsmodelle.  Ein  später  erschienener  4.  Teil
bringt  Stickmuster  für  Leinenstickerei  in  Kreuz-  und  Plattstich  und
Muster  für  Holbeinstickerei.  Das  Charakteristische  dieser  Methode
ist,  daß  sie  sich  nahezu  ausschließlich  auf  die  Nachahmung  von
Kunstformen  beschränkt,  daß  sie  besonders  für  die  Uhnterstufe  den
Kindern  zumutet,  in  ein  quadratisches  Liniennetz  regelmäßige  Figuren
einzuzeichnen,  welche  abgesehen  von  anderen  Unzuträglichkeiten  für
das  kindliche  Vorstellungsvermögen  ohne  Reiz  und  tieferes  Interesse
bleiben  müssen.

Die  neue  Methode  verwirft  dieses  Nachbilden  geometrischer
und  ornamentaler  Kunstformen,  verwirft  die  Anwendung  von  Vorlagen
  und  Gipsmodellen;  sie  knüpft  an  die  psychologische  Entwicklung
  und  an  den  künstlerischen  Schaffenstrieb  des  Kindes  an,  sie
will  nicht  der  technischen  Ausbildung  für  gewisse  Zwecke  der  In-