Organisation  der  Volksschule.  I.ehrpläne,  Methoden,  Disziplin  u.  Lehrmittel.  127

dustrie,  sondern  der  ethischen  und  ästhetischen  Erziehung  der  Jugend
dienen.  Auf  welche  Weise  man  diese  Ziele  zu  erreichen  sucht,  ist
aus  den  hier  folgenden  methodischen  Grundsätzen  des  Berliner  Lehrplans
  ersichtlich.  Es  heißt  dort:

„Il.  Freihandzeichnen.

Der  Zweck  der  Zeichenübungen  auf  der  Unterstufe  ist,  die  Erziehung  des
Auges  und  der  Hand  anzubahnen.  Die  Zeichnung  soll  dartun,  ob  der  Schüler  das
Wesentliche  der  Form  des  dargestellten  Gegenstandes  klar  erfaßt  hat.  Das  Abzeichnen
bestimmter  Vorbilder  ist  noch  nicht  Aufgabe  des  Unterrichts.  Alle  Formen  sind  frei
und  ohne  Auflegen  der  Hand  zu  zeichnen  Hilfslinien  sind  bei  der
Wiedergabe  einfacher  Formen  nicht  anzuwenden.  DieSchüler  sind  anzuhalten,
die  zu  zeichnende  Form  möglichst  ineinem  Zuge  rasch  auszuführen  und  das  Verfehlte  so
lange  stehen  zu  lassen,  bis  durch  Wiederholung  der  Übung  das  Richtige  getroffen  -  ist.
Vorlagen  jedweder  Art  sind  hier  wie  überhaupt  ausgeschlossen.

Bei  der  Behandlung  des  oben  angegebenen  Lehrstofles  ist  im  allgemeinen  folgender
Weg  einzuschlagen:

Der  Lebrer  läßt  den  darzustellenden  Gegenstand  von  den  Kindern  aus  dem  Gedächtnisse
  zeichnen.  An  der  Hand  dieser  Zeichnungen  stellt  er  mit  ihnen  zusammen
die  Hauptmerkmale  des  Gegenstandes,  der  dabei  nicht  unbedingt  vorgeführt  werden
muß,  fest.  Alsdann  wird  dieser  von  mehreren  Kindern  an  die  Schultafel  gezeichnet.
Hierbei  sich  ergebende  Fehler  werden  berichtigt.  Alle  Schüler  zeichnen  sodann  den
Gegenstand  aus  dem  Gedächtnisse  auf  das  Papier.

Als  Ziel  des  Unterrichts  der  Mittelstufe  ist  ins  Auge  zu  fassen,  daß  der  Schüler
lernt,  selbständig  Beobachtungen  vor  der  Natur  zu  machen,  das  Beobachtete  in  der  Zeichnung
  sicher  darzustellen  und  eine  klare  Vorstellung  des  gezeichneten  Gegenstandes  im
Gedächtnisse  zu  behalten.  Bei  dem  Zeichnen  nach  der  Natur  kommt  es  vor  allem  darauf  an,
daß  der  als  Vorbild  gewählte  Naturgegenstand  in  seiner  eigentümlichen  Erscheinung
richtig  aufgefaßt  und  lebendig  wiedergegeben  wird.

Bei  der  Behandlung  dieses  I,ehrstofles  ist  im  allgemeinen  folgender  Weg  einzuschlagen:


Nachdem  die  Schüler  einzeln  oder  gruppenweise  mit  Vorbildern  versehen  sind,
werden  die  für  die  bildliche  Wiedergabe  wichtigen  Merkmale  durch  gemeinsame  Besprechung
  festgestellt.  Der  Lehrer  gibt  den  \Weg  der  Darstellung  an,  indem  er  ihn  an
der  Schultafel  mit  klaren,  sicheren  Strichen  entwirft.  Es  wird  zunächst  die  (sesamtform
des  Vorbildes  und  die  seiner  Hauptteile  in  einfachen  Linienzügen  entworfen  und  erst,
nachdem  dies  geschehen,  auf  die  Einzelformen  eingegangen.  Hierbei  ist  besonders  darauf
zu  achten,  daß  der  Schüler  nicht  flüchtig  über  eigenartige  Formen  hinweggeht,  und  daß
er  andererseits  nicht  in  zu  äußerlicher  Nachahmung  unwichtige  Einzelheiten  nachzeichnet.
  Nachdem  die  Aufgabe  vor  der  Natur  gelöst  ist,  wird  sie  aus  dem  Gedächtnisse
wiederholt.  |

Als  die  eigentliche  Aufgabe  des  Unterrichts  der  Oberstufe  ist  ebenso  wie  auf
der  Unter-  und  Mittelstufe  fest  im  Auge  zu  behalten,  daß  der  Schüler  selbständig
beobachten,  das  richtig  Erfaßte  sicher  wiedergeben  und  ein  klares  Bild  des  gezeichneten
Gegenstandes  ia  seinem  Gedächtnisse  bewahren  lernt.  Die  perspektivischen,  Beleuchtungs-
  und  Farbenerscheinungen  sind  daher  nicht  durch  Erörterungen  und  Konstruktionen,
sondern  durch  Übungen  im  Beobachten  bestimmter  Gegenstände  dem  Schüler  zum  Bewußtsein
  zu  bringen.  Die  Gegenstände  sind  so  aufzustellen,  daß  der  Schüler
die  Erscheinungen,  die  er  beachten  soll,  auch  wirklich  wahrnehmen  kann.
Dax»  richtige  Erfassen  der  perspektivischen,  Beleuchtungs-  und  Farbenerscheinungen  ist