138  Volksschulwesen.

Die  deutschen  Lesebücher  sind  nach  dem  herrschenden  Urteil
unserer  Pädagogen,  dem  auch  die  Staatsbehörden  meistens  zustimmen,
in  den  letzten  Jahrzehnten  zum  großen  Teile  hinter  den  Anforderungen
der  Zeit  zurückgeblieben  und  bedürfen  einer  Neugestaltung,  wenn  sie
unserer  Jugend  ein  Erziehungsmittel  in  die  Hand  geben  sollen,  wie
es  das  20.  Jahrhundert  verlangt.  Die  Stoffe,  die  in  den  oft  sehr
voluminösen  Werken  dargeboten  werden,  sind  teilweise  veraltet,  teilweise
  entsprechen  sie  nicht  den  Bedürfnissen  der  Kindesseele.  Sie
sind  nur  zum  kleinsten  Teile  geeignet,  das  Interesse  des  jungen
Lesers  zu  fesseln  und  in  ihm  die  Liebe  zur  Lektüre  und  jenen
heiligen  Wissensdurst  zu  erwecken,  welche  die  edelsten  Früchte  eines
guten  Schulbuches  sein  müssen.  Abgesehen  von  einzelnen  Ausnahmen
  fehlt  es  den  Büchern  an  einer  fest  ausgeprägten  Lebensauffassung
  und  Weltanschauung,  es  fehlt  auch  an  jenen  Stoffen,  welche
geeignet  sind,  männliche  Tatkraft  und  persönliche  Selbständigkeit
auf  sittlichem  und  wirtschaftlichem  Gebiet  zu  ermutigen.  Der  Adel
der  Arbeit  und  die  Pflicht  jedes  Menschen,  von  klein  an  selbständig
an  seiner  sittlichen  Erziehung  zu  arbeiten,  sich  selbst  Rechenschaft
über  seine  Taten  zu  geben,  werden  zu  wenig  in  den  Vordergrund
gerückt.

Jener  eigentümliche  Zug,  der  sich  wie  ein  roter  Faden  durch
alle  angelsächsischen  Lesebücher  hindurchzieht,  die  Try  again-Moral,
wenn  ich  so  sagen  darf,  findet  in  deutschen  Lesebüchern  höchst
selten  einen  Ausdruck.  Und  doch  stellt  der  Wettbewerb  mit  den
anderen  großen  Kulturvölkern  in  unserer  Zeit  an  die  Bürger  jeder
aufstrebenden  Nation  gerade  in  dieser  Richtung  die  höchsten  Anforderungen.


Auch  wir  werden  mehr  als  früher  darauf  bedacht  sein  müssen,
ethische  Stoffe,  Stoffe,  welche  der  Bildung  männlicher  Charaktere
dienen,  und  zwar  nicht  bloß  die,  welche  kriegerische  Tüchtigkeit
verherrlichen,  sondern  auch  jene,  welche  das  Evangelium  ehrlicher
Arbeit  und  den  Heroismus  ihrer  Großtaten  predigen,  in  unsere  Lesebücher
  aufzunehmen.

Von  größter  Bedeutung  für  die  Weiterentwicklung  dieses  Zweiges
der  pädagogischen  Literatur  sind  die  von  dem  Minister  der  geistlichen,
  Unterrichts-  und  Medizinalangelegenheiten  in  Preußen  unter
dem  28.  Februar  1902  erlassenen  Vorschriften  über  die  Beschaffenheit
  der  neu  einzuführenden  Lesebücher.  Es  sind  dort  folgende
allsemeine  Gesichtspunkte  für  die  Beurteilung  bezw.  Genehmigung
neuer  \Volksschullesebücher  aufgestellt: