140  Volksschulwesen.

6.  Die  Sprache  des  I,esebuchs  muß  volkstümlich  und  darum  einfach  sein,  weil
sonst  die  engbegrenzte  und  nicht  selten  ungenaue  Sprache  des  Kindes  an  ihr  sich  nicht
erweitern  und  berichtigen  kann.

7.  Das  Lesebuch  biete  darum  Stücke  aus  den  besten  Schriften  unserer  Literatur,
soweit  sie  dem  kindlichen  Verständnisse  zugängig  sind.  Die  Ansprüche  an  Darstellungen,
welche  eigens  für  dasselbe  angefertigt  werden,  dürfen  nicht  etwa  geringer  sein;  auch  bei
ihnen  ist  das  Beste  zu  verlangen.

Dürrer  Leitfadenstil  ist  streng  fernzuhalten.

Die  Prüfung  erfolge  grade  in  diesem  Stücke  besonders  genau  und  unerbittlich.

Es  sind  nicht  nur  die  Schriftsteller  der  älteren  Zeit  bis  zur  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts
  zu  benutzen,  soweit  ihre  Arbeiten  noch  heute  Wert  haben,  sondern  auch  solche
der  neuesten  literarischen  Entwicklung,  und  zwar  ist  ebenso  die  Buch-  wie  die
Zeitschriften-  und  die  Zeitungsliteratur  mit  Stücken,  welche  durch  ihren  Inhalt  wie
durch  die  Form  ihrer  Darstellung  den  gestellten  Forderungen  entsprechen,  zu  verwenden.

Die  durch  Gesetz  erfolgte  Reglung  dieser  Frage  sowie  innere  Gründe  fordern,  daß
die  Entlehnung  möglichst  wortgetreu  sei.  Das  Kind  soll  durch  das  Lesebuch  die  Befähigung
  gewinnen,  Bücher  und  dergl.  lesen  zu  lernen,  wie  sie  das  leben  ihm  später
bieten  wird.  Nur  in  den  dringendsten  Fällen  sind  Veränderungen  der  Form  angängig,
welche  den  Sinn  nicht  beeinflussen.  Dichtungen  vertragen  solche  nicht  ohne  Einbuße
ihres  poetischen  Gehaltes;  Änderungen  bleiben  darum  bei  ihnen  ganz  ausgeschlossen  ;  der
Reichtum  unserer  Literatur  auf  diesem  Gebiete  gestattet  es.

8.  Eingehendste  Sorgfalt  verlangt  die  Rechtschreibung  und  Interpunktion.  In  der
Grammatik  sind  sogenannte  Verbesserungen  zu  vermeiden,  die  selbst  vor  unsern  Klassikern
nicht  Halt  machen.

9.  Der  Umfang  des  Lesebuchs  ist  auf  das  Maß  zu  beschränken,  welches  ein
Heimischwerden  der  Kinder  in  ihm  ermöglicht,  weil  es  nur  so  seiner  erziehlichen  Aufgabe
  gerecht  werden  kann.  Namentlich  das  abschließende  Lesebuch  gestatte  eine  lange
Benutzung  durch  das  Kind.  Die  einklassige  und  die  Halbtagsschule  kennen  am  besten
außer  der  Fibel  und  dem  sich  anschließenden  Lesebuche  für  die  Unterstufe  nur  das  einbändige
  Lesebuch.

10.  Die  Anordnung  der  Stofle  innerhalb  der  einzelnen  Bände  erfolge  nach  sachlicher
  Zusammengehörigkeit  und  Reihenfolge.  Daß  der  Stoff  der  Bände  für  die  höheren
Stufen  ausschließlich  konzentrische  Kreise  zu  dem  Stofle  der  niederen  Stufen  bildet,
entspricht  nicht  dem  geistigen  Fortschritte  des  Kindes;  gewisse  Stofle  seien  auf  den
unteren  Stufen  ein  für  alle  Male  abgetan.

11.  Der  Ausstattung  des  Lesebuches  mit  Bildern  ist  überall  da  eine  größere  Bedeutung
  nicht  beizulegen,  wo  die  Schulen  über  gute  Veranschaulichungsmittel  verfügen,  wie  in
den  großen  Städten.  Bilder  von  Gegenständen  und  Vorgängen,  welche  in  dem  Vorstellung
kreise  des  Kindes  liegen,  gehören  nicht  in  das  l.esebuch.  Nur  wirklich  gute  Bilder,  welche
für  das  Verständnis  eines  Lesestückes  unentbehrlich  sind,  können  Aufnahme  hnden.

12.  Daß  die  Verwendung  verschiedenartiger  Typen,  eine,  was  Größe  der  Buchstaben
  und  Breite  der  Zwischenräume  anbetriflt,  den  hygienischen  Ansprüchen  genügende
Drucklegung,  kräftiges  Papier  von  guter  Farbe,  ein  dauerhafter  Einband  und  ein  für
ärmere  Eltern  berechneter  niedriger  Preis  bei  der  Prüfung  des  I.esebuches  wie  jedes  anderen
Volksiernbuches  nicht  zu  übersehen  sind,  braucht  nicht  weiter  ausgeführt  zu  werden.“

Als  ein  Werk,  welches  sich  den  von  dem  preußischen  Unterrichtsministerium
  gesteckten  Zielen  nicht  ohne  Erfolg  zu  nähern  bestrebt
ist,  möge  hier  das  „Neue  Hamburger  Deutsche  Lesebuch‘,  herausgegeben
  von  der  Gesellschaft  der  Freunde  des  vaterländischen  Schul-  und
Erzichungswesens,  Hamburg  im  Selbstverlag,  in6  Teilen,  genannt  werden.