Die  Volksschule  in  den  größeren  deut.chen  Städten.  207

bisweilen  mehr  als  ein  Jahr.  Soziale,  hygienische  und  moralische
Ursachen  wirken  in  vielen  Fällen  zusammen,  um  die  Leistungsfähigkeit
der  Schulkinder  herabzusetzen.  Schlecht  ernährte  Schüler  besitzen
eine  weit  geringere  Leistungsfähigkeit  als  andere;  es  ist  kein  Wunder,
wenn  ihre  Aufmerksamkeit  bereits  nach  ein-  oder  zweistündiger
Arbeitszeit  vollständig  erschöpft  ist  und  sie  dem  Rest  des  Unterrichts
ganz  apathisch  und  teilnahmlos  beiwohnen.  Dasselbe  gilt  auch  von
denen,  die  über  das  Maß  ihrer  Kräfte  zu  häuslichen  und  gewerblichen
Nebenbeschäftigungen  herangezogen  werden;  das  Kind,  das  vor  Beginn
des  Unterrichts  schon  mehrere  Stunden  auf  den  Beinen  war,  um
Zeitungen,  Milch  oder  Backware  auszutragen,  oder  zu  spät  zu  Bett
gegangen  ist,  kommt  naturgemäß  schon  müde  und  abgespannt  zur
Schule,  und  alle  pädagogische  Weisheit  des  Lehrers  ist  an  ihm  verloren.
  Auf  das  die  gewerbliche  Nebenbeschäftigung  der  Schulkinder
einschränkende  neue  Reichsgesetz  ist  bereits  in  einem  früheren  Kapitel
dieses  Werkes  näher  cingegangen  worden.  Auch  der  häufige
Wohnungswechsel  der  Eltern,  wie  man  ihm  in  der  Großstadt  unter
der  fluktuierenden  Arbeiterbevölkerung  vielfach  begegnet,  wirkt  nachteilig
  auf  das  Weiterkommen  des  Kindes  in  der  Schule.  Mangel  an
Verständnis  für  die  Arbeit  der  Schule  und  die  hochgespannten  Anforderungen,
  welche  die  Erwerbsarbeit  nicht  nur  an  den  Familienvater,
  sondern  auch  an  die  Mutter  stellt,  das  Leben  der  Straße,  die
Versuchungen  der  Großstadt  und  andere  ungünstige  Verhältnisse
führen  häufig  auch  zur  sittlichen  Verwahrlosung  der  Kinder,  welche
dann  ihrerseits  wiederum  die  Erfolge  des  Unterrichts  herabsetzt.  In
selteneren  Fällen  mag  die  Schuld  auch  an  den  Lehrkräften  liegen,
insofern  schwache,  kränkliche  Lehrer  und  Lehrerinnen,  die  oft  fehlen
und  vertreten  werden  müssen,  die  Kinder  nicht  in  genügender  Weise
zu  fördern  vermögen.

Manche  Gemeinden  suchen  nun  diesem  Übelstande  dadurch  abzuhelfen,
  daß  sie  den  gesamten  Lehrstoff  der  Volksschule  auf  sieben
Jahresstufen  verteilen;  die  achte  Klasse  wollen  sie  dann  gewissermaßen
  als  Selekta  angesehen  wissen,  die  entweder  ganz  neue,  über
die  Anforderungen  der  Volksschule  hinausgehende  Stoffe  oder  eine
vertiefende  Wiederholung  des  gesamten  Schulpensums  bieten  soll.
Dieses  Verfahren  erweist  sich  schon  deshalb  offenbar  als  unzweckmäßig,
  weil,  wie  die  vorausgeschickten  statistischen  Angaben  beweisen,
die  oberste  Klasse  auch  in  solchen  Schulen  häufig  nicht  absolviert
wird,  welche  das  gesamte  Schulpensum  auf  nur  sechs  Klassen  verteilen.

Ein  mehrjähriges  Zurückbleiben  der  Kinder  auf  den  untersten