222  Volksschulwesen.

möglich  ist.  Abgesehen  von  dem  fremdsprachlichen  Unterricht  stellt
sie  sich  auch  in  den  anderen  Uhterrichtsfächern  höhere  Aufgaben.
Inwieweit  es  jeder  einzelnen  Anstalt  gelingt,  diese  Aufgaben  wirklich
zu  lösen,  das  hängt  natürlich  wesentlich  von  der  Tüchtigkeit  ihrer
Lehrkräfte  ab  und  kann  nur  nach  dem  Besuche  des  Unterrichts  selbst
beurteilt  werden.  Welche  Ziele  aber  im  einzelnen  erstrebt  werden,
das  läßt  sich  aus  den  Lehrplänen  und  Stoffverteilungen  der  Mittelschulen
  wohl  entnehmen.  Die  Stoffverteilungspläne,  welche  bei  einzelnen
  Anstalten  sehr  sorgfältig  ausgearbeitet  sind,  lassen  erkennen,
was  man  erreichen  will,  und  welche  Wege  man  für  die  zweckmäßigsten
hält.  Bei  der  Fülle  der  Unterrichtsstoffe  werden  wir  uns  auch  hier
wie  bei  der  Beurteilung  der  Lehrpläne  der  Volksschule  nur  auf
wenige  Gebiete  und  auch  dabei  nur  auf  die  recht  eigentlich  über  die
Pensen  der  Volksschule  hinausgehenden  obersten  Klassen  beschränken
müssen.  Wir  wählen  als  Gegenstand  der  Vergleichung  den  deutschen
und  den  fremdsprachlichen  Unterricht,  besonders  die  Lektüre  in  der
Oberstufe,  und  wollen  dann  noch  einen  kurzen  Blick  auf  einige  charakteristische
  Unterrichtsgegenstände  oder  Behandlungsformen  in  den
Oberklassen  der  Mittelschulen  werfen.

Die  der  achtklassigen  Organisation  der  städtischen  Knabenmiittelschule
  in  Halle  a.  S.,  Klosterstraße  9,  aufgesetzte  Selekta  (9.  Schuljahr)
  richtet  sich  in  ihrer  Stoffverteilung  für  die  deutsche  Lektüre
wesentlich  nach  historischen  Gesichtspunkten.  Man  beginnt  mit  Darbietungen
  aus  Luthers  Schriften,  führt  die  Schüler  über  Lessing,  Herder,
Goethe,  Schiller  zu  den  wichtigsten  Dichtern  des  19.  Jahrhunderts
(Uhland,  Freiligrath,  Geibel)  und  endet  mit  Darbietungen  aus  der
neueren  Literatur,  aus  den  Werken  von  Gustav  Freytag,  Felix  Dahn,
Viktor  von  Scheffel,  Ernst  von  Wildenbruch,  um  die  Schüler  zur
selbständigen  Lektüre  nach  der  Schulzeit  anzuleiten.

Von  dramatischen  Werken  werden  in  dieser  Klasse  gelesen:
Lessings  Minna  von  Barnhelm,  Goethes  Egmont,  Schillers  Jungfrau
von  Orleans;  in  der  vorhergwehenden  Klasse  sind  bereits  neben  Hermann
  und  Dorothea  Wilhelm  Tell  und  in  der  zweiten  Klasse  neben
Abschnitten  aus  dem  Nibelungenlied  und  Gudrun  Herzog  Ernst  von
Schwaben  von  Uhland  gelesen  worden.

Der  Lektüre  treten  stilistische  Übungen  zur  Seite,  die  sich  dann
zu  Vorträgen  und  Aufsätzen  verdichten.

In  Frankfurt  a.  M.  wird  in  der  ersten  Klasse,  sowohl  in  Knabenals
  auch  in  Mädchenschulen,  neben  der  Glocke  und  Hermann  und
Dorothea  Wilhelm  Tell  gelesen.