244  Die  Volksschullehrerbildung.

Präparandenanstalten  erhält.  In  dieser  Beziehung  verfuhr  die  1873
erschienene  Seminarlehrordnung  für  das  Königreich  Sachsen  am
durchgreifendsten  durch  Vereinigung  der  Präparandenanstalten  und
Seminare  zu  sechsklassigen  Lehranstalten.

Naturgemäß  können  Verordnungen  nur  eine  zeitlich  beschränkte
Geltung  haben,  und  häufig  stellen  sie  nur  einen  Kompromiß  entgegenstehender
  Ansichten  dar.  Mag  man  auch  den  Allgemeinen  Bestimmungen
  vorgeworfen  haben,  sie  wandelten  in  den  alten  Bahnen
einer  „hierarchisch-feudalen  Pädagogik‘‘  und  wären  zu  wenig  radikal
vorgegangen,  so  muß  mit  allem  Nachdruck  betont  werden,  daß  sie
durch  Rücksicht  auf  das  geschichtlich  Gewordene  eine  gesunde
Weiterentwicklung  ermöglicht  haben.  Jedenfalls  aber  ist  es  verständlich,
  wenn  mit  Beginn  der  neunziger  Jahre  des  vergangenen  Jahrhunderts
  der  Ruf  nach  erweiterter  Lehrerbildung  erscholl.  Die  großen
Fortschritte  der  Wissenschaften  hatten  auch  in  den  Volksschullehrern
das  Verlangen  geweckt,  ihre  Ergebnisse  kennen  zu  lernen.  Ferner
wurde  das  Bedürfnis,  Präparandenanstalt  und  Seminar  organisch  zu
verbinden,  immer  dringender  und  die  Notwendigkeit  einer  Trennung
von  Allgemein-  und  Fachbildung  nicht  mehr  abweisbar  (vergl.  S.  261  ff.).
Schon  hatte  man  1898  in  Bayern  und  Württemberg  Lehrpläne  aufgestellt,
welche  jenen  Forderungen  teilweise  entgegenkamen,  als  in  Preußen  am
1.  Juli  1901  neue  Bestimmungen  für  das  Lehrerbildungswesen  erschienen.
  Der  größte  Fortschritt  liegt  in  dem  Satze:  „Der  Lehrplan
der  Präparandenanstalt  und  der  des  Seminars  bilden  ein  organisches
Ganze“;  dadurch  wird  viel  Zeit  gewonnen,  die  Wissensgebiete  auf
dem  Seminar  zu  erweitern.  Einige  Unterrichtsfächer  schließen  bereits
mit  dem  vorletzten  Seminarjahr  ab,  sodaß  die  Fachausbildung  in  der
Oberklasse  eine  gewisse  Selbständigkeit  erhält.  Das  freie  Arbeiten
im  letzten  Seminarjahr  wird  stark  betont,  eine  Fremdsprache  ist
obligatorisch,  ferner  sind  die  Unterrichtsziele  der  einzelnen  Lehrfächer
ganz  außerordentlich  erweitert.

Das  ist  die  große  Entwicklung,  die  die  Seminarbildung  von
den  ersten  tastenden  Versuchen  im  Gothaschen  bis  zur  Gegenwart
durchlaufen  hat.