Die  l.ehrerbildungsanstalten.  2A1

Ursprünglich  lagen  die  Seminare  zumeist  in  den  Hauptstädten
und  größeren  Orten  der  Provinzen.  Die  geistige  Strömung  jedoch,
welche  1854  die  Regulative  zur  Folge  hatte,  sah  darin  eine  Gefahr
für  den  Lehrerstand..  Man  glaubte,  der  Lehrer  werde  dort  seinem
eigentlichen  Berufe,  nämlich  der  Unterweisung  des  niederen  Volkes
zu  sehr  entzogen,  hier  träten  ihm  zuviel  Zerstreuungen  entgegen,
hier  empfinge  er  einen  hochmütigen  Charakter,  Selbstüberhebung
und  Standesdünkel  stelle  sich  ein.  Darum  wurden  fast  alle  derartigen
Seminare  in  möglichst  kleine  Orte  verlegt,  —  sehr  zum  Schaden  des
Seminarwesens.  Den  Seminaristen  und  vor  allem  den  Seminarlehrern
fehlte  zumeist  jede  geistige  Anregung,  sodaß  der  Unterricht  oft  in
geistiger  Erstarrung  verlief.  Und  die  Absichten  bei  der  Verlegung
wurden  nur  teilweise  oder  garnicht  erreicht;  denn  sehr  richtig  bemerkt
  der  Historiker  von  Treitschke:  die  jungen  Leute  gebärdeten
sich  wie  die  sozialen  Löwen  des  Ortes!  So  liegen  denn  zahlreiche
Seminare  Preußens  in  kleinen  Orten,  bei  den  Neugründungen  in  den
letzten  25  Jahren  sind  jedoch  meist  Mittelstädte  berücksichtigt  worden.
Für  diese  und  selbst  für  Großstädte  dürften  in  der  Tat  die  Interessen
der  Lehrerbildung  am  meisten  sprechen.  Von  der  Bedeutung  des
Ortes  der  Erziehung  wird  unten  noch  die  Rede  sein.

Viele  der  älteren  Seminare  befinden  sich  in  alten  Schlössern
oder  Klöstern,  die  überwiegende  Mehrzahl  ist  jetzt  allerdings  in  Neubauten
  untergebracht.  Es  hat  sich  ein  bestimmter  Seminargebäudetypus
  ausgebildet:  ein  langgestrecktes  Quergebäude,  an  den  Seiten
zwei  hervortretende  Flügel.  Die  Räume  sind  als  Wohnungen  für  den
Direktor  und  einige  Lehrer,  als  Wohnstuben,  Speisesaal,  Schlaf-  und
Waschsäle  für  die  Seminaristen  eingerichtet.  Für  die  Unterrichtszwecke
  sind  bestimmt  die  Aula,  Klassenräume,  Zeichen-  und  Musiksaal,
  das  physikalische  Zimmer,  Zimmer  für  naturwissenschaftliche
Sammlungen,  für  Karten,  für  Anschauungsmittel  usw.,  ferner  cine
Turnhalle,  Bibliotheks-  uud  Leseräume,  und  endlich  die  Klassen  für
die  Übungsschule.  Die  meisten  Seminare  besitzen  auch  eine  Brauscbadeanstalt
  und,  sofern  Gelegenheit  sich  bietet,  eine  Flußschwimmanstalt.
  Vielfach  ist  endlich  ein  Park  oder  größerer  Garten  vorhanden.

Die  Zahl  der  preußischen  Seminare  beträgt  jetzt  133,  davon
sind  85  evangelisch,  44  katholisch,  4  paritätisch.  Die  dauernden  Ausgaben
  des  Staates  hierfür  machten  (allerdings  12  Lehrerinnenseminare
und  ein  mit  einem  Lehrerseminar  verbundener  Lehrerinnenkursus
eingerechnet)  im  Rechnungsjahre  193:  7841  050,30  M.  aus.  Dazu
kommen  die  einmaklgen  und  außerordentlichen  Ausgaben,  welche  für