Die  Lehrerbildungsanstalten.  249

daß  seine  Arbeit  der  geistigen  und  sittlichen  Hebung  des  Volkes,
d.  h.  der  großen  Massen,  gilt.  Der  rechte  Takt  wird  trotzdem  die
Schranke  zu  ziehen  wissen,  die  auf  dem  Seminar  den  Lehrenden  von
dem  Lernenden  trennt.  Nicht  minder  unerläßlich  ist  eine  reiche
praktisch-psychologische  Erfahrung.  Eine  solche  ist  nicht  an  ein  bestimmtes
  Lebensalter  gebunden,  die  Zahl  der  Lebens-  und  Amtsjahre
tut  es  hier  nicht,  sondern  der  offene  Blick  für  die  Vorgänge  in  der
Natur,  in  der  Welt,  in  der  einzelnen  Menschenseele:  hier  gilt  es,
politische,  soziale,  wissenschaftlich-künstlerische  und  wirtschaftliche
Ereignisse  nicht  allein  nach  ihren  Tatsachen,  vielmehr  auch  nach  ihren
Zusammenhängen  und  Entwicklungsgängen  zu  verfolgen,  hier  sind  die
einzelnen  Individuen  nach  ihren  Handlungen  und  Charakteren,  nach
ihrem  Sein  und  Werden  zu  studieren.  Nicht  bloß  die  Wirklichkeit,
sondern  auch  gerade  die  Literatur  bietet  davon  eine  Fülle  Materials.
Das  Seminar  darf  nur  Persönlichkeiten  entlassen,  die  als  Mensch  und
als  Lehrer  durchgebildet  sind.  Da  gilt  es  hineinzudringen  in  verschlossene
  Herzen,  widerwillig  sich  dem  Beruf  Widmende  für  ihn  zu
gewinnen,  da  heißt  es  den  Prüfstein  ansetzen,  ob  hinreichend  geistige
Kräfte  zur  Erreichung  des  Ziels  vorhanden  sind,  ob  der  Charakter
und  die  sittliche  Befähigung  für  eine  erfolg-  und  segensreiche  Ausübung
  des  lLehramtes  bürgen!  Es  ist  die  schwere  Aufgabe  des
Seminarlehrers,  seine  Zöglinge  für  einen  der  verantwortungsvollsten
Berufe  zu  erziehen,  er  muß  es  verstehen,  Freudigkeit  am  Amt  und
Zufriedenheit  mit  einer  nicht  gerade  glänzenden  äußeren  Lage  zu
fördern  und  zu  pflegen.

Hierauf  beschränkt  sich  aber  die  pädagogische  Bildung  des
Seminarlehrers  nicht,  er  ıst  nicht  nur  Erzieher,  sondern  auch  Lehrer.
Vielfach  ist  bezüglich  der  höheren  Lehranstalten  und  Universitäten
der  Vorwurf  erhoben  worden,  daß,  wiewohl  dort  hervorragend  wissenschaftliche
  Männer  tätig  seien,  mancher  nicht  die  Gabe  besäße,  sein
Wissen  fruchtbar  weiter  zu  geben.  Ob  dies  zutreffend  ist,  soll  nicht
untersucht  werden.  Das  steht  indes  fest,  ein  umfassendes  Eigenwissen
schließt  noch  nicht  die  Fähigkeit  in  sich,  es  mitzuteilen.  Darum
wird  mit  Recht  Lehrfähigkeit  vom  Seminarlehrer  gefordert;  nicht
wissenschaftliches  Arbeiten  bleibt  seine  Berufsaufgabe,  so  fördernd
und  wünschenswert  jenes  für  das  Amt  auch  ist,  er  hat  zuerst  Lehrer,
und  wie  oben  schon  ausgeführt,  Erzieher  zu  sein!  Bereitet  cs
Schwierigkeiten,  anderen  Wissen  zu  geben,  so  mehren  sich  die  Hindernisse,
  andere  zum  Unterrichten  fähig  zu  machen.  Das  bildet  aber
eine  Spezialaufgabe,  die  für  den  Seminarlehrer  uncrläßlich,  ohne  die