250  Die  Volksschullehrerbildung.

eine  noch  so  erfreuliche  Erzieher-  und  Lehrfähigkeit  für  den  Seminardienst
  ziemlich  wertlos  ist.

Schon  lange  wird  bezüglich  der  wissenschaftlich-künstlerischen
Durchbildung  der  Seminarlehrer  die  Frage  erörtert,  ob  sich  für  die
Seminare  das  Fachlehrersystem  empfiehlt  oder  nicht.  Im  Zeichnen,
Turnen  und  in  der  Musik  wird  eine  Sonderausbildung  verlangt.  In
den  anderen  Fächern  muß  nach  dem  jetzt  üblichen  Verfahren  jeder
Seminarlehrer  unterrichten  können  und  keineswegs  ist  es  eine  Seltenheit,
  daß  eine  Reihe  von  ihnen  tatsächlich  bereits  alle  Fächer  „durchunterrichtet“
  hat.  Früher  war  dies  sehr  wohl  erfolgreich  möglich;  bei
den  hohen  Zielen  der  neueren  Lehrpläne  mehren  sich  jedoch  erheblich
  die  Bedenken.  Daß  jemand  alle  Wissensfächer  des  Seminars
völlig  beherrscht,  muß  als  ausgeschlossen  gelten.  Je  nach  Neigung
und  amtlicher  Veranlassung  wird  sich  jeder  in  ein  oder  mehrere  Fächer
vertiefen,  wird  sich  auch  in  allen  Seminarfächern  das  unbedingte
Wissen  aneignen  können,  aber  von  einer  Durchbildung  und  Durchdringung
  kann  nur  in  den  Spezialfächern  die  Rede  sein.  Jedoch  sollte
nicht  verkannt  werden,  daß  in  der  nicht  leicht  durchzuführenden
Forderung,  ein  Seminarlehrer  müsse  in  allen  Fächern  unterrichten
können,  ein  recht  beherzigenswerter  Gedanke  liegt.  Gegenüber  dem
Spezialistentum  in  der  wissenschaftlichen  Forschung  ist  dringend  cine
mehr  universale  Bildung,  ein  harmonisches  Gesamtwissen  notwendig.
Die  Gefahr,  dies  zu  verlieren,  ist  beim  Fachlehrersystem  stark  vorhanden,
  namentlich  bei  scharfer  Trennung  der  Geistes-  und  Naturwissenschaften.


Die  Vorbildung  der  am  Seminar  Unterrichtenden  ist  eine  dreifache,
  entweder  nur  auf  der  Universität,  oder  nur  auf  dem  Seminar,
oder  auf  beiden.  Die  Lehrerbildungsanstalten  wurden  im  18.  Jahrhundert
  und  im  19.  bis  vor  etwa  zwei  Jahrzehnten  fast  ausnahmslos
von  Theologen  geleitet.  Auch  die  Lehrer  hatten  im  18.  Jahrhundert
zumeist  eine  akademische  Bildung.  Erst  mit  dem  Aufschwung  des
Seminarwesens  seit  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  war  es  möglich,  auch
tüchtige  Volksschullehrer  als  Lehrerbildner  anzustellen.  Nicht  selten  |
treten  aber  auch  Volksschullehrer  in  den  Seminardienst,  die  sich  nachträglich
  das  Reifezeugnis  eines  Gymnasiums  erworben  und  darauf
studiert  haben.  Als  Vorbedingung  zur  Übernahme  ciner  Stellung
am  Seminar  ist  die  Ablegung  der  Mittelschul-  und  der  Rektorprüfung
notwendig.

Seit  zwei  Jahrzehnten  haben  von  Akademikern  außer  den  Theologen
  auch  Historiker,  Philologen,  Mathematiker  und  Naturwissen-