254  Die  Volksschullehrerbildung.

Selten  hat  sich  das  als  ein  Nachteil  erwiesen,  da  es  zumeist  lernund
  arbeitsfreudige  Persönlichkeiten  sind,  die  später  in  den  Seminardienst
  eintreten  wollen  und  sich  darum  auf  die  hierfür  nötigen
Prüfungen  vorbereiten.  Dies  ist  ein  entschiedener  Vorzug,  da  die
Präparandenanstalten  gegenüber  den  Seminaren,  wie  noch  später
gezeigt  werden  wird,  hauptsächlich  den  Charakter  von  Lernanstalten
tragen.  Die  Forderung  der  Mittelschulprüfung  wird  sich  auf  die
Dauer  allerdings  nicht  abweisen  lassen.

Zum  Schluß  dieser  Ausführung  über  das  Lehrpersonal  der
Lehrerbildungsanstalten  sei  noch  die  Frage  gestellt,  was  soll  der
Seminarlehrer  seinen  Zöglingen  an  Wissen  geben?  Alles,  was  er
selbst  weiß!  Dieser  Satz  mag  recht  absurd  klingen,  und  doch  besteht
er  zu  Recht!  Die  Zeiten  sind  noch  gamicht  solange  vorüber,  wo
mancher  Seminarlehrer  glaubte,  daß  ganz  bestimmte  Grenzen  der
Wissensmitteilung  an  die  Seminaristen  gezogen  seien,  daß  dadurch
die  eigene  Autorität  (und  vielleicht  auch  Unfehlbarkeit)  am  sichersten
gewahrt  bliebe,  wenn  man  sich  selbst  ein  höheres  Wissen  vorbehielte.
Und  manche  Gesellschaftskreise,  welche  eine  Hebung  der  Volksbildung
  für  ihre  Interessen  schädlich  halten,  fordern  offen  eine
möglichste  Beschränkung  des  Seminarwissens.  Wie  soll  aber  der
Seminarlehrer  verfahren?  Die  neuen  Lehrpläne  weisen  ihm  den  Weg.
Die  Zöglinge  sollen  in  der  Oberklasse  zum  ‚freien  Arbeiten“
angehalten  werden.  Nur  ein  Bruchteil  des  Stoffes  vermag  in  der
Unterrichtsstunde  durchgenommen  zu  werden,  da  muß  der  Lehrer
verstehen,  Anregung  zum  selbständigen  Arbeiten  zu  geben  —  und
auf  diese  Art  gibt  dann  der  Seminarlehrer  den  Seminaristen  sein
ganzes  Wissen!  Versteht  er,  seine  Schüler  für  ihr  Amt,  aber  auch
für  Wissenschaft  und  Kunst  anzuregen,  nennt  er  ihnen  die  nötigen
Hilfsmittel,  vor  allem  Bücher,  die  für  eine  planvolle  Vertiefung  nötig
sind,  antwortet  er  auf  Fragen,  die  an  ihn  gerichtet  werden,  soweit  es
in  seinen  Kräften  steht  —  dann  ist  er  ein  wahrer  Lehrer.  Sehen  in
ihm,  dem  Erzieher,  aber  seine  Zöglinge  einen  väterlichen  Freund,  so
hat  er  seine  Aufgabe  als  Seminarlehrer  erfüllt!  Ihm  wird  der  Dank
derer  folgen,  denen  er  Freund  und  Lehrer  geworden  ist.  Mit  Stolz
werden  sie  ihn  als  ihren  Führer  in  das  schwere  und  verantwortungsreiche
  Schulamt  bekennen.  Ihm  gelten  dann  gleiche  Gefühle  und
Worte,  wie  sie  vor  20  Jahren  der  Dichter  Paul  Heysc  einem  greisen
Lehrer  widmete:

„Wie  cs  keiner  je  vergals,
Der  zu  deinen  Füßen  saß!“