Die  T,ehrerbildungsanstalten.  355

III.  Die  Erziehung  der  Seminaristen.

1.  Die  Erziehung  durch  Ort  und  Wohnung.

Der  Nationalökonom  Gustav  Schmoller  schreibt:  „Man  hat  schon
gesagt,  der  Mensch  sei  das,  was  er  esse;  jedenfalls  richtiger  ist  es  zu
sagen,  er  sei  das,  was  ihn  seine  Wohnung  werden  lasse.“  Und  sodann
  führt  er  den  Nachweis,  wie  jene  aufs  äußerste  überfüllten
Wohnungen  der  Großstädte  einer  der  schlimmsten  sozialen  und
sittlichen  Schäden  sei.  Damit  ist  der  ungeheure  erziehliche  Einfluß
von  Ort  und  Wohnung  auf  den  Menschen  anerkannt.

Auch  in  der  Erziehung  der  Seminaristen  und  Präparanden  spielt
Ort  und  Wohnung  eine  große  Rolle.  Die  Forderungen,  welche  die
Gegenwart  an  die  Lehrerbildung  stellt,  bedingen  einen  an  Bildungsmitteln
  reichen  Ort,  nicht  aber  kommt  es  in  erster  Linie  auf  Größe
und  Einwohnerzahl  an.  Wohl  bietet  das  städtische  Leben  und  Treiben
einen  wichtigen  Erziehungsfaktor,  hier  wird  der  Blick  für  das  soziale
Leben  geschärft.  Ein  offenes  Auge  vermag  dort  Lebenserfahrungen
zu  sammeln,  hier  erhält  der  angehende  Volksbildner  einen  weiteren
Blick  für  seinen  Beruf,  für  seine  nationalen  und  kulturellen  Aufgaben,
da  vermag  er  sich  die  geistige  und  sittliche  Freiheit  und  Selbstbeherrschung
  zu  erwerben,  die  ihn  vor  der  großen  Gefahr  hindert,
wenn  ihn  sein  Amt  in  ein  einsames  Dorf  führt,  daselbst  geistig  zu
verkümmern  oder,  wie  man  es  nennt,  zu  verbauern.

Aber  ausschlaggebend  bleiben  doch  die  geistigen  Bildungsmittel,
welche  über  den  erziehlichen  Wert  eines  Seminarortes  entscheiden,
und  die  werden  allerdings  mehr  in  den  mittleren  und  größeren  Städten
vorhanden  sein;  darum  wurde  auch  bereits  oben  bemerkt,  daß  diesen  bei
Neugründungen  von  Seminaren  meist  der  Vorzug  gegeben  wird.  Indes
kommt  es  garnicht  darauf  an,  daß  die  Gegenstände  der  Geschichte,
Kunst  und  Natur  fein  säuberlich  geordnet  in  Kästen  und  Schränken
liegen.  Es  gilt  vielmehr,  das  Auge  zu  schärfen  und  einmal  sehen  zu
lernen,  was  der  Ort  und  seine  Umgebung  bietet.  Oft  wird  entdeckt
werden,  welche  Fülle  von  Anschauungsmaterial  vorhanden  ist  —  man
muß  es  nur  zu  finden  und  zu  erkennen  wissen.  Dann  wird  sich  zeigen,
wie  gerade  im  kleinen  und  kleinsten  sich  die  großen  Gesetze  der
Geschichte,  Kunst  und  Natur  widerspiegeln.  Verstehen  die  Seminarlehrer,
  ihre  Seminaristen  sehen  zu  lehren,  so  kann  selbst  ein  kleiner
Ort  unter  Umständen  von  großem  Segen  für  die  Lehrerbildung  sein.
Aber  eine  Kleinstadt  hat  auch  entschieden  ganz  bestimmte  Vorzüge.