356  Die  Volksschullehrerbildung.

Viel  Gelegenheit  zur  Ablenkung  von  ernster  Arbeit  ist  nicht  vorhanden,
  die  gesundheitlichen  Verhältnisse  sind  meist  weit  besser  als
in  der  Großstadt.  Bei  geschickter  Leitung  gelingt  es  auch  hier,
Anregungen  zu  selbständigem  Arbeiten  zu  geben  und  vor  allem  das
Verlangen  zu  nähren,  die  Bildungsmittel  der  Großstadt  sich  später  in
ernstem  Ringen  nutzbar  zu  machen.  Nicht  zu  leugnen  ist  auch  die
Tatsache,  daß  der  Seminarist,  der  sich  in  der  Kleinstadt  viele  geistige
Genüsse  versagen  mußte,  oft  viel  gewandter  und  für  die  eigene
Individualität  vorteilhafter  die  Sammlungen  und  Büchereien  der
Bildungsmittelpunkte  ausnutzt,  als  der  an  diesen  Orten  Ansässige,  der
garnicht  selten  kein  Bedürfnis  kennt,  sie  sich  dienstbar  zu  machen.
Trotzdem  bleibt  es  wünschenswert,  auf  jeden  Fall  die  Nachteile  der
Kleinstadt  durch  Reisen  der  Seminaristen  einigermafsen  auszugleichen.

Neben  dem  Seminarort  spielt  aber  die  Wohnung  eine  wichtige
Rolle  in  der  Erziehung  der  künftigen  Lehrerbildner.  Zweierlei  kommt
hierfür  in  Betracht:  Internat  und  Externat.  Unter  Internat  versteht
man  das  Wohnen  und  die  Beköstigung  innerhalb  des  Seminargebäudes,
unter  Externat  außerhalb  desselben.  Es  handelt  sich  hier  —  pädagogisch
  ausgedrückt  —  um  das  Problem  der  Institutserziehung.  Das
I8.  Jahrhundert,  hauptsächlich  die  Philanthropen,  haben  dicser  allgemein
  die  Wege  geöffnet  und  ihre  Vorzüge  in  einem  besonders
eünstigen  Lichte  erscheinen  lassen;  das  Interesse,  das  sich  durch
Pestalozzi  veranlaßt,  den  Waisen  und  Bedürftigen  zuwandte,  trug  auch
dazu  bei.  Die  Institutserziehung  erschien  daher  bei  Neuordnung  des
Seminarwesens  nach  den  Befreiungskriegen  als  selbstverständlich  zur
‚Ausbildung  der  Volksschullehrer.  Dazu  kam  die  Notwendigkeit,  den
zumeist  aus  recht  bescheidenen  Verhältnissen  stammenden  Seminaristen
die  Erreichung  des  Lehrerberufes  zu  erleichtern.  Den  Unterricht  bot
der  Staat  unentgeltlich.  Es  handelte  sich  darum  für  die  Unterkunft
zu  sorgen.  So  entstand  das  Internat.

Die  gesamte  geistige  und  soziale  Entwicklung  ließ  allmählich
das  Internat  als  ‚„unmodern“  erscheinen.  Was  immer  eine  mehr
wirtschaftliche  Erleichterung  für  die  künftigen  Lehrer  gewesen  war,
wurde  besonders  in  den  Zeiten  nach  1848  als  ein  unentbehrliches  und
nachdrücklich  zu  handhabendes  Erziehungsmittel  betrachtet,  um  Bescheidenheit,
  Demut  und  vor  allem  unbedingte  Unterordnung  gegen
die  vorgesetzten  Organc  zu  erzwingen.  Die  Forderung  nach  größerer
Freiheit  der  Seminaristen,  nach  einem  Externat  wurde  im  Laufe  der
Jahre  immer  lauter,  und,  wie  es  leicht  erklärlich  ist,  verwarf  man
gleich  völlig  das  Internat.  Es  gilt  aber  unbefangen  die  Vor-  und