58  Die  Volksschullehrerbildung.

unverträglichen  oder  zur  Widersetzlichkeit  neigenden  Elementen  recht
angebracht  ist.

Bei  Erwägung  der  pädagogischen  und  wirtschaftlichen  Gründe
und  Gegengründe  dürfte  die  Internatserziehung  den  Präparanden  nur
zu  empfehlen  sein.  Bisher  findet  sich  allerdings  das  Präparandeninternat
  nicht  häufig.  Bei  den  privaten  Anstalten  fehlt  meist  da;
nötige  Kapital,  ein  solches  einzurichten,  bei  den  städtischen  Anstalten
  wollen  die  Ortsbehörden  ihren  Einwohnern  durch  das  Externat
  die  Möglichkeit  des  Gelderwerbs  geben,  und  die  gleiche  Absicht
  liegt  vielfach  bei  den  staatlichen  Anstalten  vor.  Wenn  sich
geeignete  Familien,  besonders  Lehrerfamilien,  finden,  so  ließe  sich
auch  das  Internat  entbehren.

Wesentlich  anders  verhält  es  sich  mit  den  Seminaristen,  die  in
einem  Älter  von  17  bis  22  Jahren  stehen.  Sie  sollen  nach  dreijähriger
  Ausbildung  eine  selbständige  Stellung  einnehmen,  und  da:
bedeutet  eine  außerordentlich  schwierige  Aufgabe  für  einen’  Zwanzigbis
  Zweiundzwanzigjährigen.  Deshalb  muß  die  Erziehung  im  Seminar
besondere  Wege  einschlagen,  damit  der  junge  Lehrer  seine  Selbständigkeit
  recht  gebraucht.  Bei  zu  strenger  Erziehung  —  das  ist
eine  alte  Erfahrung  —  zeigt  sich  leicht  die  Möglichkeit,  nach  erlangter
  Freiheit,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  über  die  Stränge  zu
schlagen.  Dem  jungen  Lehrer  droht  diese  Gefahr  besonders  stark.
Nach  jahrelanger  oft  strenger  Ausbildung  wird  er  in  einem  recht
jugendlichen  Alter,  in  dem  sich  seine  meisten  Altersgenossen  noch
längere  Zeit  für  den  Lebensberuf  vorbereiten,  mit  einem  Amte  betraut,
  das  auf  der  einen  Seite  große  Pflichttreue  und  Arbeitskraft,
auf  der  andern  aber  Selbständigkeit  und  Takt  fordert.  Wo  ihm,  wie
namentlich  auf  dem  Dorfe,  seine  Vorgesetzten  nur  selten  an  der
Seite  stehen,  muß  er  gewissenhaft  und  besonders  auch  recht  pünktlich
seine  Pflicht  tun.  Er  hat  den  gar  nicht  selten  auf  den  Lehrerberuf
verächtlich  herabsehenden  Stadt-  und  Landbewohnern  das  nötige
Selbst-  und  Standesbewußtsein,  aber  gepaart  mit  Zurückhaltung  und
ohne  Überhebung  zu  zeigen;  er  muß  es  aber  auch  verstehen,  sich
mit  Bescheidenheit  bewußt  zu  bleiben,  daß  ihm  noch  sehr  viel  an
seiner  Ausbildung  fehlt,  selbst  wenn  er  an  seinem  Wohnort  der  erste
in  bezug  auf  Wissen  ist.  Eine  große  Freiheit  gibt  ihm  das  neue
Amt,  wie  er  sie  bisher  noch  nicht  kannte.  Wie  leicht  ist  da  ein
Mißbrauch  dieser  Freiheit,  ein  Verkennen  seiner  Stellung  möglich!
Darum  hat  das  Seminar  hier  mit  seinen  Erziehungsfaktoren  einzusetzen.
  \Wie  unter  diesem  Gesichtspunkt  der  Seminarlehrer  sein