262  Die  Volksschullehrerbildung.

sei  es  daß  sie  zu  Hause  auf  Grund  des  Selbsstudiums  bearbeitet
werden.

Die  entwickelnd-vortragende  und  Aufgaben  stellende  Lehrform
ist  das  eine  Kennzeichen  der  Seminarmethodik,  das  andere  ist  das
Selbststudium.  Es  kann  im  Unterricht  bei  den  Lernenden  leicht  das
Bewußtsein  des  Fertigseins,  richtiger  des  vermeintlichen  Fertigseins
mit  der  Bildung  entstehen,  und  nicht  ohne  Berechtigung  ist  mitunter
dem  Volksschullehrerstand  der  Vorwurf  gemacht  worden,  er  käme
vom  Seminar  mit  der  Überzeugung,  die  Unterrichtsgegenstände  wären
„erschöpfend“  behandelt;  und  diese  Überzeugung  kann  sehr  leicht
aufkommen,  wenn  der  Zögling  nur  Wissen  und  keine  Bildung  erhält.
Bei  dem  Bestreben,  den  Lehrerstand  geistig  zu  heben,  ihn  wenn
möglich  für  das  Universitätsstudium  reif  zu  machen,  ist  es  notwendig,
das  Bewußtsein  zu  wecken,  alles  menschliche  Wissen  ist  Bruchstück
und  das  Seminar  kann  nur  einen  winzigen  Teil  des  Erforschten
geben.

Nur  als  einseitig  und  mangelhaft  muß  die  Bildung  gelten,  die
allein  das  im  Unterricht  Angelernte  erworben,  die  sich  nicht  in  den
einen  oder  anderen  Punkt  vertieft  hat.  Erst  selbsterworbenes  Spezialwissen
  —  wenn  auch  nur  in  bescheidenen  Grenzen  —  bewahrt  vor
Oberflächlichkeit  und  vor  der  durch  Leitfadenweisheit  entstehenden
Überzeugung  „alles  besser  zu  wissen“.  Darum  ordneten  die  Bestimmungen
  vom  1.  Juli  1901  das  freie  Arbeiten  an.  Je  nach
Neigung  und  Veranlagung  vermag  sich  der  Seminarist  in  ein  Fach
zu  vertiefen,  er  erarbeitet  sich  durch  eigene  Beobachtung  oder  durch
Einblick  in  die  ihm  bezeichnete  Literatur  das  selbständig,  was  ihm
im  Klassenunterricht  mundrecht  vorgetragen  und  entwickelt  wird.
Durch  dieses  freie  Arbeiten  erwirbt  er  sich  einen  Freund,  der  ihm,
wenn  ihn  auch  andere  Freunde  verlassen,  im  Leben  treu  zur  Seite
bleibt,  nämlich  Lust  und  Liebe  zu  geistiger  Tätigkeit.  Mag  er  auf
einem  öden  Dorfe  sitzen,  mag  ihm  das  Leben  hart  mitspielen,  so
wird  er  sich  auch  in  Einsamkeit  und  Trübsal  durch  seine  geistigen
Interessen  in  geistiger  Gemeinschaft  mit  anderen  befinden.  Außer
diesem  allgemeinen  Erfolg  soll  das  freie  Arbeiten  noch  den  Sonderzweck
  haben,  den  jungen  Lehrer  zu  befähigen  und  vorzubereiten,  sich
für  die  2.  Prüfung  mit  Erfolg  in  einem  Spezialfach  fortzubilden.

Dies  freie  Arbeiten  und  Selbstudium  darf  aber  nicht  mit  dem
selbständigen  Forschen  in  wissenschaftlichem  Sinne  verwechselt  werden,
wie  es  auf  der  Universität  getrieben  wird.  Dazu  fehlt  dem  Seminaristen
  eine  hinreichende  Vorbildung,  die  erforderlichen  Hilfsmittel  und