I66  Die  Volksschullehrerbildung.

nationale  Einheit  beruhte  auf  dem  Ruhme  Friedrichs  des  Grofjen!
War  man  doch,  wie  Goethe  erzählt,  in  seinem  Vaterhause  »fritzisch:
gesonnen.  Erst  die  Geistesströmung  der  Romantik  und  die  Befreiungskriege
  ließen  den  Gedanken  des  Vaterlandes  mit  Begeisterung
emporlodern,  und  die  vaterländische  Erziehung  gewann  fortan  eine
Stätte,  nachdem  bereits  Männer  wie  Zöllner  und  Stephani  im
Jahre  1804  für  die  „Nationalerziehung“  eingetreten  waren.  Aus  der
Erziehung  zum  Weltbürger  ward  die  Erziehung  zum  Patrioten.  Der
Gedanke  reiner  Menschlichkeit  blieb,  aber  herrschend  wurden  die
Worte,  die  Schiller  —  der  Weltbürger  —  vorahnend  gesprochen:

»Ans  Vaterland,  ans  teure,  schließ  dich  an!«

Dem  Deutschen  ist  mit  dem  Begriff  des  Vaterlandes  sein
Herrscherhaus  untrennbar  verbunden,  und  in  seinen  Fürsten  sieht  er
das  Vaterland  verkörpert.  Als  eine  besondere  Tugend  ward  schon
den  alten  Germanen  die  Treue  gegen  ihren  Herzog  nachgerühmt,
und  stolz  klingen  die  Worte,  welche  vor  bald  300  Jahren  ein  brandenburgischer
  Kanzler  den  kurmärkischen  Ständen  zurief:  »Es  hat  die
Nation  der  Märker  den  Ruhm  vor  anderen  von  vielen  Jahren  daher
geführt  und  erhalten,  daß  sie  ihre  Herrschaft  in  keiner  Not  verlassen.:
Wohl  ist  die  verstandesmäßige  Erkenntnis  der  Segnungen  des  Vaterlandes
  und  der  landesväterlichen  Fürsorge  in  jetzigen  und  vergangenen
  Tagen  von  nicht  zu  unterschätzendem  Einfluß  auf  die
Förderung  des  Patriotismus.  Aber  eine  nüchterne,  reine  verstandesmäßige
  Erkenntnis  kann  nur  ein  recht  kühles  Vaterlandsgefühl  erzeugen,
  das  sich  unter  Umständen  als  Eigennutz  ausweist.  Die
Vaterlandsliebe  ist  in  erster  Linie  ein  ideales  Gut,  das  ebenso  wie
die  Religion  den  Menschen  aus  der  Alltäglichkeit  emporhebt,  seinen
Blick  für  das  Große  schärft,  das  ihn  genießen  und  verstehen  heißt,
was  frühere  Geschlechter  und  die  lebende  Generation  geschafft  und
erworben  haben  an  „Gütern  und  Gaben  des  Friedens  auf  dem  Gebiete
  nationaler  Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gesittung“,  aber  auch  an  den
Gütern  und  Gaben  des  Schwertes  und  des  Geistes.

Die  preußischen  Seminare  genießen  das  große  Glück,  einen
Lehrplan  zu  besitzen,  der  durch  und  durch  national  ist.  Der  preußische
  Volksschullehrer  erhält  eine  nationale  Bildung,  deren  sich  kein
anderer  Stand  in  gleichem  Maße  rühmen  kann.  In  umfassender
Weise  wird  deutsche  Literatur,  deutsche  Sprache  und  deutsche  Geschichte
  getrieben,  auch  Kenntnis  der  deutschen  Heimat  und  des
deutschen  Wirtschaftslebens  erworben,  und  das  deutsche  Volkstum  und
das  deutsche  Lied  finden  eine  eingehende  liebevolle  Pflege.