Die  Leehrerbildungsanstalten,  267

Aber  jene  Gedanken  vom  Weltbürgertum,  von  »Freiheit,  Gleichheit,
  Brüderlichkeit«  sind  nicht  untergegangen,  nur  sind  sie  in  andere
Formen  umgeprägt  worden.  Der  sich  absurd  gebärdende  Most  hat
sich  in  einen  guten  \Wein  verwandelt:  in  den  Gedanken  der  sozialen
Gemeinschaft.  Das  Gemeinschaftsleben  der  Menschen,  sei  es  in  der
Familie,  in  der  Gemeinde,  im  Staat  oder  in  der  Welt  des  Auslandes
ist  nicht  nur  ein  Gegenstand  des  Wissens,  sondern  auch  ein  Erziehungsfaktor.
  Zur  Gemeinschaft  erzieht  den  künftigen  Lehrer  der  Klassenunterricht,
  dann  vor  allem  das  Internat,  weniger  das  Externat.  Dazu
tritt  die  Kenntnis  der  staatlichen  Verfassung  und  Verwaltung,  der
wirtschaftlichen  Tatsachen  und  Gesetze,  der  Wohlfahrtspflege  und
werktägigen  Nächstenliebe,  die  Bande  rein  menschlicher,  geistiger  wie
praktisch-realer  Beziehungen  zu  den  Glaubensgenossen  und  zu  den
Mitmenschen  überhaupt,  sowohl  in  der  Heimat  wie  in  der  Fremde.
Dies  alles  bedingt  und  fördert  die  soziale  Erziehung  der  Seminaristen.

Bildet  die  religiöse,  nationale  und  soziale  Erziehung  eine  mehr
praktische  Erziehung  so  erweist  sich  die  intellektuelle  und  ästhetische
als  eine  mehr  theoretische.

Nach  gangbarer  Einteilung  stellt  sich  die  intellektuelle  Ausbildung
  als  eine  formelle  und  materielle  dar.  Die  formale  hat  die
Auffassungs-  und  Aufnahmefähigkeit  des  Geistes  zu  erzielen,  und  das
ist  die  schwierigste  Aufgabe  überhaupt,  da  sie  kein  gesondertes  Unterrichtsfach
  sein  kann,  da  ihre  Erfolge  erst  allmählich  und  oft  recht
spät  sichtbar  werden.  Sie  erfordert  seitens  der  Seminarlehrer  viel
Gewandtheit,  und  viel,  sehr  viel  Geduld,  auch  wenn  die  Arbeit  vorläuiig
  scheinbar  vergeblich  war.  Wohl  gibt  es  genug,  wie  man  zu
sagen  pflegt,  geistig  geweckte  Seminaristen,  aber  gerade  da,  wo  zunächst
  mangelnde  Begabung  vorzuliegen  scheint,  findet  sich  oft  ein
dankbares  Arbeitsfeld,  hier  gilt  es  gleichsam  die  unter  dem  Boden
schlummernden  Kläfte  frei  und  dem  Unterricht  dienstbar,  den  Geist
beweglich  und  gewandt  zu  machen.  Nur  hervorragendes  Material  für
das  Seminar  zu  erhalten  ist  ausgeschlossen,  die  mittlere  Begabung
ist  wie  in  allen  Bzrufen,  am  meisten  vertreten.

In  der  Volksschule  sind  in  erster  Linie  Sprachlehre,  Raumlehre
und  Rechnen  zur  besonderen  Förderung  der  formalen  Bildung  bestimmt,
  aber  auch  das  statarische  Lesen,  Aufsatzübungen  usw.  tragen
dazu  bei.  Zeitweise,  so  unter  Diesterweg  in  den  vierziger  und  fünfziger
  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts,  sah  man  in  ihr  das  vornehmste  Ziel
der  Schule  und  wählte  unter  diesem  Gesichtspunkte  die  Unterrichtsstoffe
  aus.  All  das,  was  die  Volksschule  an  formaler  Bildung  zu