268  Die  Volksschullehrerbildung.

leisten  hat,  muß  das  Seminar  in  weit  höherem  und  umfassenderen
Maße  geben.  Zweierlei  tritt  neu  hinzu:  Die  Fähigkeit  der  selbständigen
  Weiterbildung  und  die  Urteilsfähigkeit.

Es  war  bereits  berührt  worden,  daß  mitunter  der  mit  20  oder  21
Jahren  ins  Amt  tretende  Lehrer  seine  Ausbildung  für  abgeschlossen  hält.
Bei  den  meisten  ist  ein  reges  Bildungsstreben  vorhanden,  aber  die
formelle  Fähigkeit,  die  eigene  Bildung  zu  leiten,  verspricht  allein  Erfolg.
  Der  Seminarist  muß  daher  nicht  nur  darin  unterwiesen  werden,
was  er  später  arbeiten  kann,  sondern  auch,  wie  es  geschieht.  In
erster  Linie  ist  notwendig,  das  Interesse  an  geistiger  Arbeit  überhaupt
zu  wecken,  damit  die  Arbeit  als  Freund  und  nicht  als  Feind  betrachtet
werde.  Dem  jungen  Lehrer  muß  aber  auch  bekannt  sein,  daß  er
nicht  allen  Fächern  des  Wissens  und  der  Kunst  gleichmäßig  seine
Studien  zuwenden  kann,  daß  er  sich  ein  Sonderfach,  und  da  auch
noch  meist  ein  Spezialgebiet  wählen  muß.

Wohl  mögen  für  die  ersten  Jahre  die  Ratschläge  der  Seminarlehrer
  bezüglich  der  durchzuarbeitenden  Bücher  und  Stoffe  genügen,
wohl  werden  die  Schulaufsichtsbeamten  treffende  Ratschläge  und  Hinweise
  geben,  aber  allmählich  soll  der  Lehrer  eigene  Bahnen  wandeln.
Da  wird  es  notwendig  sein,  daß  seine  Urteilsfähigkeit  auf  dem  Seminar
  geweckt  und  geschärft  ist.  Er  muß  verstehen,  sich  geeignete
Literatur  für  seine  Studien  auszuwählen,  aber  auch  das  Gelesene  zu
beurteilen.  Die  Weiterbildung  manches  Lehrers  weist  darin  wesentliche
  Schäden  auf,  daß  er  bei  seiner  Lektüre  es  nicht  vermag,  das
Wesentliche  von  dem  minder  Wichtigen  zu  scheiden,  daß  er  den
Hauptwert  der  Vertiefung  auf  mehr  Nebensächliches  legt,  und  „auf
des  Meisters  Worte  schwört.“  Urteilsfähigkeit  ist  dem  künftigen
l.ehrer  aber  auch  gegenüber  dem  Zeitungslesen  anzuerziehen.  Bei
der  fast  unglaublichen  Autorität,  welche  heute  das  gedruckte  \Wort
namentlich  in  der  Presse  besitzt,  muß  auch  gerade  der  Volkserzieher
darnach  streben,  kritisch  zu  prüfen,  was  ihm  die  Tagesblätter  an  Tatsachen
  und  Urteilen  aufdrängen  wollen.

Die  Urteilsfähigkeit  wird  auch  zur  Geltung  kommen,  wenn  er
selbst  produzierend  tätig  ist.  Hat  er  Vorträge,  Referate  u.  dgl.  für
amtliche  Konferenzen  oder  Vereinssitzungen  auszuarbeiten,  oder  sucht
er  Geschichte  und  Natur  seines  Wohnortes  oder  Kreises  zu  erforschen
dann  muß  er  die  eben  berührten  Sciten  der  Kritik  anwenden;  nur
darf  nicht  vergessen  werden  —  leider  ein  Fehler  selbst  tüchtiger  Gelehrter
  —,  dafs  das  Wesen  der  Kritik  nicht  einzig  im  Be-  und  Aburteilen,
sondern  auch  im  Verstehenlernen  und  Erklären  von  Ereignissen,