Die  Lehrerbildungsanstalten.  269

Handlungen,  Beweggründen  usw.  besteht.  Es  hat  keinen  erfreulichen
Eindruck  gemacht,  wenn  mitunter  gerade  jüngere  Lehrer  schnell  ihr
Urteil  bei  der  Hand  hatten,  wenn  sie  sich  in  Schriften  und  Vorträgen
über  Dinge  verbreiteten,  in  denen  nur  der  erfahrene  Fachmann
heimisch  und  urteilsberechtigt  ist.  Darum  hat  dem  künftigen  Volksschullehrer
  die  formale  Seite  der  intellektuellen  Bildung  bezüglich  des
selbständigen  Arbeitens  und  der  Urteilskraft  die  nötige  Selbstbescheidenheit
  und  die  Erkenntnis  von  den  Grenzen  und  der  Unzulänglichkeit
  menschlicher  Forschung  zu  lehren,  die  denen  zu  eigen  sein
pflegen,  welche  wahrhaft  Anspruch  auf  Bildung  machen  dürfen.

Die  formale  Bildung  ist  das  Mittel  zur  Bewältigung  der  materiellen,
  sie  ist  gewissermaßen  das  Handwerkszeug  zur  Aufnahme  des
Wissens.  Dieses  gliedert  sich,  wie  schon  bemerkt,  in  ein  doppeltes,
nämlich  in  Allgemein-  und  in  Fachwissen.  Die  mannigfachen  hierin
eingeschlossenen  Gebiete  sollen  in  dem  Abschnitt  „Unterrichtsstoff‘‘
erörtert  werden.

Die  wichtigste  Aufgabe  der  materiellen  Bildung  besteht  darin,
daß  sich  das  Wissen  zur  Bildung  umsetze.  Ein  vielverbreiteter  Irrtum
meint,  Vielwissen  sei  Bildung,  und  gerade  in  Lehrerkreisen  hat  man
lange  geglaubt,  durch  vieles  Auswendiglernen  von  Tatsachen  und
stetes  Gregenwärtighalten  von  zahllosen  Einzelheiten  Bildung  zu  besitzen.
  Gegen  solche  bloß  äußerliche  Aufnahme  der  Stofle  ist  seit
einiger  Zeit  energisch  Front  gemacht  worden.  Das  Seminar  bestrebt
sich,  das  Wissen  durch  innere  Verarbeitung  und  Assimilation  zur
Bildung  zu  verdichten,  die  Bestrebungen  der  Lehrerschaft  für  ihre
eigene  Bildung  legen  gleichfalls  Zeugnis  davon  ab.  Wenn  sich  der
Seminarunterricht  auch  aus  äußeren  Gründen  in  eine  Reihe  von  Unterrichtsfächern
  gliedert,  darf  doch  das  einheitliche  Ziel:  Allgemeinund
  Fachbildung  nie  außer  acht  bleiben.

Wie  im  Leben  neben  der  Wissenschaft  die  Kunst  als  gleichberechtigt
  genannt  wird,  so  kann  auch  im  Seminar  die  intellektuelle
Erziehung  ohne  die  ästhetische  nicht  bestehen.  Gegenüber  dem  stark
naturwissenschaftlichen  Sinne  des  19.  Jahrhunderts,  gegenüber  der
materiellen  Richtung  der  letzten  Jahrzehnte  hat  sich  seit  einigen
Jahren  der  Sinn  für  die  Gebiete  der  Ästhetik  —  Literatur  und  bildende
  Künste  —,  wie  überhaupt  die  ideale  Geistesrichtung  stärker
geltend  gemacht.  Das  Interesse  für  Literatur  war  in  dem  Ringen
nach  einem  geeinten  Vaterlande  und  im  Jubel  über  das  neu  errichtete
Deutsche  Reich,  zugleich  auch  durch  die  Weltwunder,  welche  der
staunenden  Menschheit  durch  die  Naturwissenschaften  in  der  zweiten