70  Die  Volksschullehrerbildung.

Hälfte  des  vergangenen  Jahrhunderts  geschenkt  wurden,  stark  erkaltet.
Die  gesunde  Entwicklung  der  bildenden  Kunst  verkümmerte  durch
einen  falsch  verstandenen  Klassizismus  seit  Ende  des  18.  Jahrhunderts.
Um  so  reger  ist  in  der  Gegenwart  der  Sinn  für  Literatur  und  bildende
  Kunst,  vor  allem  das  Kunstgewerbe  und  die  zeichnenden
Künste,  erwacht;  die  Musik  konnte  sich  erfreulicherweise  nie  über
eine  Vernachlässigung  beklagen.

Die  Gegenströmung  gegen  den  Materialismus,  der  noch  vor
wenigen  Jahren  herrschte,  ist  nur  als  eine  recht  gesunde  zu  bezeichnen.
  Physische  Gesetze  und  chemische  Formeln  allein  können
dem  Geist  keine  Nahrung  gewähren;  sie  fordern  notwendig  eine  Ergänzung
  im  Sinne  für  das  Künstlerische.  Hier  findet  der  Mensch
seine  Erholung,  hier  sammelt  er  neue  Kraft  für  seine  Werktagsarbeit,
hier  lernt  er,  seine  Gedanken  auch  auf  ideelle  Güter  zu  richten.  Hier
bewahrheitet  es  sich,  daß  der  Mensch  ‚nicht  ıst,  was  er  ißt“,  sondern
das,  was  die  Kultur  aus  ihm  macht.  Nicht  schwer  fällt  es,  den
Deutschen  für  solche  Dinge  zu  begeistern,  ein  Heißhunger  nach
Wissen,  nach  Kunstgenuß  herrscht  vielfach,  wenngleich  er  sich  mit
unter  noch  in  eigentümlichen,  vielleicht  darf  man  sagen,  etwas  ungeschlachten
  Formen  zeigt.  Trefflich  rühmt  diesen  idealen  Sinn  des
Deutschen  der  Dichter  Emil  Prinz  von  Schönaich-Carolath:

„Im  schwarzen  Schachte  gleißt  das  Erz,
Der  Hammer  dröhnt,  die  Funken  springen,
Doch  heimlich  hört  das  deutsche  Herz

Im  Hörselberg  die  (zeigen  klingen;

Vom  Zug  der  Esse  scharf  umbraust,

Der  Meister  läßt  kein  Säumen  merken,

Doch  immer  lebt  als  Sohn  des  Faust
Er  über  seinen  Erdenwerken.“

Für  die  ästhetische  Erziehung  geschicht  im  Seminar  jetzt  sehr
viel.  Zwar  sind  die  älteren  Seminare,  die  einer  recht  nüchternen
Bauperiode  von  1860—1890  entstammen,  wenig  geeignet,  Kunstsinn
zu  wecken,  indes  weisen  die  neuesten  Bauten  wesentliche  Fortschritte
auf.  Dazu  sorgt  jetzt  die  Unterrichtsverwaltung  für  Ausschmückung
der  Räume  durch  Künstlersteinzeichnungen  und  dergl.  Oft  bieten,  wie
schon  bemerkt,  die  Seminarorte  und  ihre  Umgebung  mannigfachen
ästhetischen  Anschauungsstoff,  sei  es  in  der  Natur,  sei  es  in  Bauten,
Denkmälern  u.  s.  f.  Die  Neugestaltung  des  Zeichenunterrichts,  der
nur  noch  Gegenstände  aus  echtem  Material  als  Vorbild  verwendet,
die  Handhabung  des  Musikunterrichts  und  die  Betonung  der  Literaturbetrachtung
  lassen  die  ästhetische  Erziehung  auf  dem  Seminar,  wie-