274  Die  Volksschullehrerbildung.

und  Erdkunde.  Nur  in  Pädagogik,  Religion,  Deutsch,  Geschichte
und  in  der  fremden  Sprache  findet  in  der  Oberklasse  eine  wissenschaftliche
  Fortbildung  statt.  Im  Abschluß  jener  Fächer  in  der  zweiten
Klasse  wollte  man  eine  Zurücksetzung  dieser  mehr  naturkundlichen
Fächer  sehen,  die  eines  naturwissenschaftlichen  Jahrhunderts  unwürdig
sei  und  eine  ungebührliche  Bevorzugung  der  Geistesfächer  (Pädagogik.
Religion,  Deutsch,  Geschichte,  fremde  Sprachen)  bedeute.  Nun  ist
es  schon  von  einem  der  hervorragendsten  Philosophen  der  Gegenwart,
  von  Wilhelm  Wundt,  bezweifelt  worden,  ob  das  19.  Jahrhundert
nicht  statt  des  Namens  eines  naturwissenschaftlichen  Zeitalters  eher  den
eines  Zeitalters  der  Geisteswissenschaften  verdiene.  Da  aber  weiter
die  Lehrpläne  dem  künftigen  Lehrer  eine  fachwissenschaftliche  und
eine  religiös-vaterländische  Bildung  in  Verbindung  mit  einer  intellektuell-ästhetischen
  geben  wollen,  so  können  die  mehr  naturwissenschaftlichen
  Fächer  früher  zum  Abschluß  kommen.  Die  religiös-literarischästhetische
  Bildung,  die  im  sog.  naturwissenschaftlichen  Zeitalter  oft
über  Gebühr  vernachlässigt  wurde  und  in  ihrer  vermehrten  Hervorhebung
  eine  gesunde  und  notwendige  Reaktion  gegen  die  einseitig
naturkundliche  Bildung  darstellt,  kann  des  letzten  Seminarjahres  nicht
entbehren.  Sie  aber  befähigt  erst  zu  einer  „sinnigen  Naturbetrachtung“,
  welche  nach  dem  Vorgange  der  Regulative  durch  die  Allgemeinen
  Bestimmungen  vom  15.  Oktober  1872  für  die  Volksschule
gefordert  wird.  Zudem  soll  das  Seminar  nicht  Leute  erziehen,  die
später  einmal  einen  auf  dem  Naturwissen  fußenden  Beruf  ergreifen
wollen,  —  es  sollen  vielmehr  Lehrer  erzogen  werden,  die  Liebe  zur
Natur  und  Verständnis  für  sie  besitzen.  Im  übrigen  trägt  die  Oberklasse
  den  Charakter  der  Fachschule.  Die  methodische  Ausbildung
sowie  das  praktische  Unterrichten  stehen  im  Vordergrund.  Durch
Abschluß  von  Mathematik,  Natur-  und  Erdkunde  wird  für  die  Oberklasse
  die  Zeit  zum  freien  Arbeiten  gefunden,  dem  auch,  für  alle
Zöglinge,  der  monatlich  mindestens  einmal  anzusetzende  unterrichtsfreie
  Arbeitstag,  auch  Studientag  genannt,  dient.

In  großen  Zügen  würde  sich  demgemäf3  die  Ausbildung  der
Lehrer  jetzt  folgendermaßen  gestalten:  In  der  Präparandenanstalt
(15.  bis  17.  Lebensjahr)  hauptsächlich  die  Lernstoffe,  in  der  Unterund
  Mittelklasse  des  Seminars  (18.  und  19.  Lebensjahr)  die  Vermittlung
  und  Vertiefung  der  Bildungsstoffe,  in  der  Oberklasse  (20.  Lebensjahr)
  die  Fachausbildung.

So  sehr  auch  die  Lehrpläne  von  1901  vielfach  Anerkennung  gefunden
  haben,  so  erfuhr  doch  die  Behandlung  der  einzelnen  Fächer