216  Die  Volksschullehrerbildung.

nicht  in  einer  experimentellen  Psychologie  suchen,  wenngleich  der
Zögling  nicht  in  Unkenntnis  über  sie  bleiben  soll.  Der  Schwerpunkt
liegt  für  den  künftigen  Erzieher  nicht  auf  den  psychologischen
Ursachen  des  Sinnen-  und  Seelenlebens,  sondern  auf  der  Entwicklung,
den  Tatsachen  und  Gesetzen  des  seelischen  Lebens  des  Menschen.
Besondere  Rücksicht  wird  dabei  auf  das  Kind  zu  nehmen  sein;  eine
reine  Psychologie  der  Kinder  zu  geben  wäre  einseitig;  erst  die  Kenntnis
des  Seelenlebens  der  Erwachsenen  erschließt  das  nötige  Verständnis
für  das  des  Kindes.  Der  oben  angedeuteten  Gefahr,  daß  die
Psychologie  »graue  Theorie«  bleibt,  wird  durch  die  Bestimmung  begegnet,
  »reichliche  Veranschaulichungsmittel«  auf  Grund  von  Beobachtung,
  Erfahrung  und  Beispielen  vorzuführen.  Auch  die  pathologische
Psychologie  hat  eine  Stätte  gefunden.  Wie  die  Gegenwart  viele  gerichtlich
  strafbare  Handlungen  auf  den  nicht  normalen  geistigen  Zustand
  des  Schuldigen  zurückführt  und  ihn  dann  straflos  läßt,  weil  er
für  sein  Tun  die  Verantwortlichheit  nicht  besaß,  so  hat  auch  die  F.rziehungswissenschaft
  erkannt,  daß  manche  Verfehlung  der  Kinder  in
ihrem  Betragen  und  namentlich  in  bezug  auf  Fleiß  nicht  im  bösen
Willen  sondern  in  Krankheitszuständen  zu  suchen  ist.  Gerade  hier
müssen  dem  künftigen  Lehrer  die  Augen  geöffnet  werden,  sonst  wird
er  leicht  trotz  angestrengtester  Arbeit  keine  Erfolge  aufweisen,  sonst
wird  er  seine  Schüler  falsch  beurteilen  und  durch  unangebrachte
Strafen  und  Worte  Verzagtheit  der  Kinder  und  Verbitterung  in  ihren
Herzen  erzeugen.  Andererseits  vermag  die  Gefahr  einzutreten,
Krankheitszustände  der  Kinder  arg  zu  überschätzen.  Darum  muß
auch  hierfür  der  Lehrer  Verständnis  besitzen,  wie  er  ein  schwach
veranlagtes  oder  durch  Krankheit  mitgenommenes  Kind  zum  Lernen
anspornt,  Arbeitsfreudigkeit  und  Selbstvertrauen  in  ihm  weckt.  Auch
um  der  Eltern  willen  ist  dies  sehr  notwendig,  da  diese  —  namentlich
aus  den  sogenannten  gebildeten  Kreisen  —  die  Untugenden  ihrer
Sprößlinge  gar  zu  gern  mit  »Nervosität«  entschuldigen,  während  oft
weiter  nichts  als  höchst  mangelhafte  Erziehung  vorliegt.

Der  Psychologie  werden  drei  Vierteljahre  in  der  3.  Seminarklasse,  der  Unterklasse,
gewidmet,  der  allgemeinen  Unterrichtslehre  ist  ein  Vierteljahr  vorbehalten;  in  der  2.,  der
Mittelklasse,  bleibt  für  die  Erziehungslehre  ein  halbes  Jahr.  Da  sich  die  Erziehungs-  und
Unterrichtslehre  durchaus  auf  der  Psychologie  aufbauen  soll,  so  wird  letztere  ein  und
ein  halbes  Jahr,  also  die  Hälfte  der  Seminarzeit  getrieben,  während  die  andere  Hälfte  für
die  Geschichte  der  Pädagogik  und  die  Schulkunde  aufgespart  bleibt.  Für  die  Pädagogik
sind  in  allen  drei  Klassen  je  drei  Stunden  wöchentlich  festgesetzt.

In  der  Seelen-,  Erziehungs-  und  allgemeinen  Unterrichtslehre  wird  dauernd  auf  die
Quelle,  nämlich  die  menschliche  bezw.  Kindesseele,  zurückgegangen,  ebenso  stützt
sich  die  Geschichte  der  Pädagogik  auf  die  (Juellen.  Hier  entwirft  nämlich  der  Unterricht