Die  Lehrerbildungsanstalten.  79

genossen  und  Greistesverwandten  anzureihen.  Durch  Lesung  selbst  von  nicht  zu  lernenden
J.iedern  und  indem  unter  Zuhilfenahme  dieser  (Juellen  das  Wesen  und  die  Eigenart  der
einzelnen  Abschnitte  des  Entwicklungsganges  der  Kirchenlieddichtung  zum  Verständnis
gebracht  wird,  erweist  sich  die  oft  für  unfruchtbar  gehaltene  unterrichtliche  Behandlung
der  (seschichte  des  evangelischen  Kirchenliedes  als  ein  Teil  der  Geistesgeschichte  der
christlichen  Kirche,  insbesondere  der  evangelischen  (Gremeinde,  zumal  auch  gerade  die
neueste  Zeit  und  (regenwart,  mit  einem  Wort  das  geistliche  Volkslied  des  19.  Jahrhunderts,
  zur  Besprechung  kommt.

Gleichfalls  in  die  innere  Geschichte  der  Kirche  führen  die  Belehrungen  über  das
Kirchenjahr,  wobei  die  Perikopen  besondere  Berücksichtigung  Anden  sollen.  Hier  bietet
sich  eine  vorzügliche  Gelegenheit,  auf  die  Festgebräuche  des  Volkes  nachdrücklichst  hinzuweisen;
  der  künftige  Volksbildner  erhielte  dadurch  die  für  sein  Amt  so  wichtige  Anregung,
  den  Blick  auf  das  deutsche  Volkstum  zu  richten,  dessen  verständnisvoller  Pfleger
er  gerade  auf  dem  Lande  sein  soll.  Gleichfalls  einen  Einblick  in  das  innere  Leben  der
Kirche  gibt  die  Einführung  in  das  Wesen  des  öffentlichen  Gottesdienstes.  Zahlreichen
Christen  ist  die  Liturgie  weiter  nichts  als  eine  zusammenhangslose  Aneinanderreihung;
da  gilt  es,  den  angehenden  Lehrer  zu  orientieren,  wie  der  evangelische  Gottesdienst  ein
wohldurchdachtes,  sich  aus  dem  Wesen  der  evangelischen  Gemeinde  ergebendes  zusammenhängendes
  Ganze  bildet.  Der  lutherische  Katechismus  wird  ganz  durchgesprochen
und  in  erweiterter  Form  und  größerer  Vertiefung  behandelt  als  in  der  Volksschule.  Die
biblische  Geschichte  als  solche,  Katechismus  und  Kirchenlied  gelangen,  wie  schon  erwähnt,
  in  der  Präparandenanstalt  zum  Abschluß.

Im  Seminar  wird  die  Hälfte  der  für  den  Religionsunterricht  angesetzten  Zeit  der
Bibelkunde,  die  andere  der  Kirchengeschichte,  Glaubens-  und  Sittenlehre  gewidmet.

Die  Bibelkunde  soll  eingehend  betrieben  werden.  Sie  umfaßt  sowohl  Entstehung
wie  Sammlung  der  biblischen  Bücher  als  auch  ihren  Inhalt.  Die  theologische  Wissen-»chaft
  bat  in  den  letzten  Jahrzehnten  Hervorragendes  auf  dem  Gebiete  der  Bibelkritik
geleistet.  J.ange  ist  die  Frage  erörtert  worden,  ob  der  künftige  Lehrer  davon  etwas  erfahren
  solle.  Oft  ist  mit  „nein“  darauf  geantwortet  worden.  Man  hielt  ihn  für  unfähig,
solchen  Ausführungen  zu  folgen,  man  befürchtete  allen  Ernstes,  ihn  durch  die  Bibelkritik
zum  Irrgläubigen  zu  machen,  und  vergaß,  daß  die  Bibel  keine  Kritik  zu  fürchten  braucht,
daß  Gottes  Wort  aus  allen  Angriffen  siegreich  hervorgehen  wird!  Das  war  das  Ergebnis
der  Forschungen  über  die  Entstehung  der  biblischen  Bücher,  daß  die  Heilstatsachen,  die
den  wahren  Inhalt  der  Bibel  ausmachen,  nicht  im  geringsten  erschüttert  sind.  Im  Gegenteil
  gerade  nach  Scheidung  des  Wesentlichen  vom  Unwesentlichen,  tritt  die  Wucht  der
göttlichen  Heilsratschläge  um  so  leuchtender  und  unanfechtbarer  hervor.  Indem  sie  das
als  ein  menschliches  (sewand  erwies,  was  menschlich  an  der  Bibel  ist,  hat  die  Bibelkritik
die  ewige,  unerschütterliche  Wahrheit  der  Heiligen  Schrift  um  so  gewaltiger  erkennen
  lassen.

In  den  rein  wissenschaftlichen  Büchern  der  Theologie  tritt  dies,  als  dem  Zwecke
des  behandelten  Themas  nicht  entsprechend,  oft  nicht  hervor.  Su  kam  es,  daß  der  auf  «dem
Seminar  vor  der  neueren  theologischen  Forschung  sorgsamst  behütete  Lehrer,  wenn  er
in  das  Amt  trat  und  zu  theologischen  Büchern  griff  —  und  der  in  der  deutschen  l.chrerschaft
  wohnende  Geist  trieb  ihn  oft  dazu  —,  oder  wenn  die  Zeitungen  unverstanden
einige  Ergebnisse  der  Bibelkritik  mitteilten,  sich  verächtlich  vom  Christentum  abwandte,
nur  weil  er,  und  mit  ihm  zahlreiche  Gebildete,  meinten,  wenn  die  fünf  Bücher  Mose
nicht  von  Mose,  oder  das  21.  Kapitel  des  Johannesevangeliums  nicht  von  Johannes  herstammte,
  usw.,  dann  sei  alles,  was  die  christliche  Religion  lehre,  unwahr.  Darum  muß
es  die  Aufgabe  des  Seminars  sein,  den  künftigen  l.ehrer  in  die  Bibelkritik  einzuführen
und  ihm  vor  allem  zu  zeigen,  daß  durch  sie  die  Heilstatsachen  nicht  im  geringsten  erschüttert,
  sie  vielmehr  gestützt  werden!  Ilierdurch  wird  er  gewappnet,  den  Angriffen  auf