280  Die  Volksschullehrerbildung.

die  Religion  nicht  nur  zu  seinem  eigenen  Nutzen,  sondern  im  Interesse  des  Christentums
entgegenzutreten.  Die  Frage  aber,  soll  der  Seminarist  etwas  von  der  Bibelkritik  erfahren,
haben  die  Lehrpläne  von  1901  bejaht.

Die  Entstehung  des  Kanons  und  der  biblischen  Schriften  ist  meist  hochinteressant,
und  damit  liegt  die  Gefahr  vor,  daß  der  Inhalt  der  Bibel  zurücktritt.  Er  muß  aber  stets
die  Hauptsache  bleiben,  so  verlockend  es  auch  sein  mag,  der  Bibelkritik  einen  breiten
Raum  zu  gewähren.  Aus  dem  Alten  Testament  —  ein  halbes  Jahr  ist  hierfür  vorgesehen  —
sind  die  Psalmen  und  prophetischen  Schriften  genauer  zu  behandeln  unter  besonderer
Rücksicht  auf  die  Entwicklung  der  Heilsideen.  Im  Anschluß  an  die  behandelten  Bibelstellen
  ist  dann  eine  zusammenfassende  Darstellung  der  göttlichen  Heilsgeschichte  im
Alten  Bund  zu  geben.

Die  neutestamentliche  Bibelkunde  soll  in  die  Eigenart  der  Evangelien  und  in  ihr
gegenseitiges  Verhältnis  einführen.  Hauptsächlich  ist  aber  eine  eingehende  und  zusammenfassende
  Darstellung  der  Lehrtätigkeit  Jesu  auf  Grund  der  Bergpredigt,  der  Gleichnisse
und  der  johanneischen  Reden  zu  bieten.  Hierfür  ist  ebenfalls  ein  halbes  Jahr  bestimmt.
Der  Römerbrief  ist  ganz  zu  lesen,  möglichst  auch  andere  Briefe.  Aus  den  nicht  eingehend
  behandelten  Briefen  sind  wichtige,  ihre  Eigenart  und  ihren  Zweck  erkennenlassende
  Stellen  zu  lesen  und  zu  erklären.  Ein  Überblick  über  die  Heilsgeschichte  des
Neuen  Bundes  bildet  den  naturgemäßen  Abschluß.

Das  zweite  Halbjahr  der  2.  Klasse  ist  der  Kirchengeschichte  gewidmet,  besonderer
Nachdruck  liegt  auf  der  Entwicklung  und  dem  I,eben  der  Kirche  der  Gegenwart.  Gerade
für  die  Jetztzeit  ist  die  oft  arg  vernachlässigte  Kirchengeschichte  hochwichtig.  Sie  bringt
den  geschichtlichen  Beweis  von  der  Wahrheit  des  Christentums.  Dem  künftigen  Volk--erzieher
  muß  der  Siegeszug  des  Christentums  gezeigt,  ihm  muß  das  Auge  für  die  religiösen
Aufgaben  und  Forderungen  der  heutigen  Zeit  geöffnet  werden,  dann  wird  er,  ausgestattet
mit  tiefem  Bibelverständnis,  den  Angriffen  auf  die  christliche  Lehre,  auf  Sitte  und  Vaterland
  die  Stira  bieten  können!  Wichtig  ist  es,  die  Kirchengeschichte  stets  mit
Rücksicht  auf  die  Weltgeschichte  und  die  geistigen  Strömungen  zu  behandeln.  Sie
ist  keine  Sonderentwicklung,  sondern  ein  Teil  der  allgemeinen  Menschengeschichte,  die
sich  in  verschiedenen  Richtungen  zeigt,  sei  es  als  äußere  Geschichte,  oder  als  Geschichte
der  Kirche,  der  Literatur,  der  Kunst,  der  Wissenschaften  usw.  Und  so  wird  auch  sie  beitragen,
  den  geschichtlichen  Sinn  zu  wecken,  der  gerade  jetzt  so  notwendig  ist,  um  die
Aufgaben  der  Gegenwart  zu  verstehen.

Die  Glaubens-  und  Sittenlehre,  für  die  ein  Jahr  vorbehalten  ist,  soll  nach  keinem
dogrmatischen  System  oder  Hilfsbuch  sondern  im  Anschluß  an  die  drei  Glaubensartikel
auf  Grundlage  des  aus  der  Bibel  erarbeiteten  Stofles  gegeben  werden.  Damit  wird  der
(sefahr  vorgebeugt,  daß  etwa  die  dogmatische  Anschauung  eines  Theologen  oder  einer
thevulogischen  Richtung  einseitig  gelehrt  werde.  Glaube  und  Sitte  muß  sich  allein  auf
der  Heiligen  Schrift  aufbauen.  Ein  Hleranziehen  der  Augsburgischen  Konfession  wird  zu
empfehlen  sein;  eine  oft  bedauernswerte  Unkenntnis  dieses  wichtigsten  Symbols  der
evangelischen  Kirche  ist  nur  zu  oft  zu  verspüren.

Seit  Erlaß  der  neuen  Lehrpläne  hat  der  Religions-Unterricht
auf  dem  Seminar  einen  großen  Aufschwung  genommen  und  großes
Interesse  seitens  der  Seminaristen  gefunden.  Aber  trotzdem  bleibt
die  Hauptaufgabe  des  Unterrichts  Religionslehrer  heranzubilden,  die
durch  und  durch  Christen  sind,  welche  die  Religion  nicht  nur  als  ein
von  der  Behörde  zur  unterrichtlichen  Behandlung  vorgeschriebenes
l’ach  betrachten,  denen  vielmehr  die  Religion  Herzensangelegenheit
ist,  die  es  verstehen,  auch  ihren  Schülern  und  Schülerinnen  Religion