282  Die  Volksschullehrerbildung.

der  Prosa.  Die  deutsche  Literatur  kann  mit  Stolz  auf  zwei  Blütezeiten  zurückblicken,
und  mit  Recht  hat  man  das  deutsche  Volk  das  Volk  der  Dichter  und  Denker  genannt.
Darum  soll  der  künftige  I,ehrer  gründlichst  in  die  Schätze  der  deutschen  Literatur  eingeweiht
  werden,  damit  er  einen  Einblick  in  das  erhält,  was  die  Altvordern  schufen,  daß
sein  Geschmack  gebildet  werde,  um  in  der  Fülle  der  literarischen  Ereignisse  die  Spreu
von  dem  Weizen  zu  scheiden.  Es  gilt  das  mehr  oder  minder  geschwundene  Intere:&lt;e
an  der  Poesie  zu  wecken  und  eınen  gesunden  Sinn  für  die  Prosa  zu  bilden,  damit  jene
ungesunden  und  seichten  Romane  und  Erzählungen  aus  dem  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts
  überwunden  werden  zu  gunsten  echt  deutscher  Erzähler.  Die  L.teraturbetrachtung
  ist  der  ausgesprochene  Gegensatz  zu  der  früher  so  beliebten  ].iteraturgeschichte,
welche  im  Herunterschnarren  der  T)ichterbiograpbien  und  im  Herplappern  von  Urteilen
über  häufig  nicht  gelesene  Dichterwerke  bestand.

Die  Einführung  in  die  T’oesie  geschieht  auf  der  Präparandenanstalt,  indem  ihre
Erzeugnisse  in  Gruppen,  die  durch  die  Poetik  bedingt  sind,  zur  Behandlung  kommen,
während  sie  im  Seminar  zumeist  gemäß  der  historischen  Entwicklung  erfolgt.  In  der
3.  Klasse  lernt  der  Präparand  Fabeln,  Märchen,  Sagen  und  Legenden  sowie  leichtere
Lyrik  kennen.  Ianeben  tritt  in  der  Prosalektüre  die  Erzählung.  Die  2.  Klasse  behandelt
  Balladen,  Romanzen  und  aus  der  I.yrik  volkstümliche  weltliche  und  geistliche
Dichter.  Die  schwierigeren  Balladen  und  Komanzen  bringt  die  1.  Klasse,  außerdem  aber
noch  aus  der  Iyrik  besonders  die  vaterländischen  Dichter,  Schillers  Glocke  und  Tell.
Die  Prosalektüre  der  2.  und  1.  Klasse  trägt  vorwiegend  realistischen  Charakter  (Geschichtliches,
  Tandschafts--  und  Kulturbilder,  Erdkundliches,  Charakterschilderungen).  Ausdrücklich
  wird  betont,  daß  neben  dem  bewährten  Alten  in  Poesie  und  namentlich  in
P’rosa  gute  Erzeugnisse  der  neuesten  J.iteratur  eine  Stätte  finden  sollen.  Bei  den
Gedichten  muß  in  erster  Linie  Verständnis  des  poetischen  (sehaltes  gegeben  werden,
während  die  früher  so  beliebten  Erklärungen  und  (sliederungen  auf  das  unbedingt  nötige
Maß  zu  beschränken  sind.  tserade  durch  Gliederungen  usw.  kann  leicht  jeder  puetische
Hauch  eines  Gedichtes  und  jede  Freude  an  der  Poesie  zerstört  werden,  die  Rose  verliert
ihre  Schönheit,  wenn  sie  zerpflückt  wird,  und  der  mächtigste  Dom  ist  nichts  als  ein
Trümmerhaufen,  nimmt  man  die  festgefügten  (Juadern  voneinander!  Gerade  jene  jJahrelang
  geübte  statarische  Behandlung  (richtiger  Mißhandlung)  von  Gedichten  in  Schule
und  Seminar  hat  entschieden  dazu  mit  beigetragen,  eine  Abneigung  gegen  die  Dichtung
in  Deutschland  zu  erzeugen,  die  erst  seit  wenigen  Jahren  in  allmählicher  Abnahme  begriflen
  ist.  Die  Behandlung  der  Vichterwerke  in  der  Volksschule,  in  der  Präparandenanstalt
  und  im  Seminar  fordert  eine  gute  poetische  Empfindung  und  viel  methodischen
Takt  von  dem  l.ehrenden.  Daß  die  Jugend  und  die  Volksbildner  sich  an  der  Dichtung
erfreuen,  daß  unsere  Vichter  ihre  L.ebensbegleiter  werden,  —  diese  Anregung  zu  geben
dürfte  eine  der  vornehmsten,  vielleicht  die  vornehmste  Aufgabe  (der  l.iteraturbetrachtung
auf  dlen  l.ehrerbildungsanstalten  sein.

Das  Seminar  behandelt  im  ersten  Jahre  die  deutsche  Literatur  bis  zum  Ausgang
des  Mittelalters  auf  Grund  der  Werke,  so  besonders  die  großen  Volks-  und  hönschen
Epen  und  die  höfhsche  Lyrik.  Außerdem  werden  Hermann  und  Doruthea,  Abschnitte
aus  Homer  und  aus  neueren  epischen  Dichtungen  gelesen.  Die  2,  Klasse  bringt  die  bedeutendsten
  Persönlichkeiten  des  16.  und  17.  Jahrhunderts  mit  Proben  aus  ihren  Werken
dann  Klopstock,  Lessing,  Herder,  Goethe  und  Schiller  nach  ihren  Werken  und  im  Zusammenhang
  mit  ihrer  Zeit.  Fingehend  kommen  Klopstocks  Oden  sowie  Goethes  und
Schillers  Gedankenlyrik  zur  Besprechung.  Die  1.  Klasse  gibt  die  Literatur  des  19.  Jahrhunderts
  und  das  Volkslied.  An  Dramen  werden  in  der  3.  Klasse  Götz  von  Berlichingen
und  die  Jungfrau  von  Orleans,  in  der  2.  Klasse  Minna  von  Barnhelm  und  Egmont,  in
der  1.  Klass&gt;  Wallenstein  und  ein  Drama  von  Shakespeare,  oft  auch  eins  von  Grrllparzer
und  Ilebbel  gelesen.  An  Prosa  bringt  die  3.  Klasse  Briefe,  die  2.  Klasse  Goethes  Dichtung
  und  Wahrheit,  seine  Briefe  und  Lessings  Prosa,  die  1.  Klasse  Herdersche  und