Die  I.ehrerbildungsanstalten.  283

Schillersche  Prosa.  Außerdem  sind  für  die  3.  und  2.  Klasse  Reden  und  wissenschaftliche
  und  ästhetische  Prosa  der  Jetztzeit  vorgeschrieben,  und  zwar  aus  den  Gebieten  der  (:&lt;-schichte,
  Kultur,  Kunst,  Natur-  und  Erdkunde.  Man  hat  letztere  Prosalektüre  als  einen
Rückschritt  in  die  Regulativpädagogik  bezeichnet.  Im  Gegenteil,  wenn  Sachen  von
Zeller,  Wundt,  Harnack,  Hettner,  Gebr.  Grimm,  (rebr.  Humboldt,  Ranke,  Sybel,  Burkhardt,
  Mommsen,  Treitschke,  Ihering,  Heusler,  Schmoller,  K.  Ritter,  Richthofen,  Bastian,
Ratzel,  Siemens,  Helmholtz,  du  Bois-Reymond,  H.  Grimm,  Riehl,  R.  Wagner  zur  I.ektüre
ausgewählt  werden,  so  heißt  es  in  die  Kultur  der  Gegenwart  eindringen,  so  heißt  es,
verstehen,  daß  ein  wesentlicher  Teil  der  deutschen  Literatur  und  Sprache  des  19,  Jahrhunderts
  sich  in  der  wissenschaftlichen  Prosa  findet,  —  dann  wird  dem  künftigen  Lehrer
ein  Gsesichtskreis  eröffnet,  der  ihm  ein  selbständiges  Weiterarbeiten,  wie  es  die  Lehrpläne
  fordern,  ermöglicht  und  erleichtert.  Dadurch  wird  dem  jungen  Lehrer  Anregung
gegeben,  sich  je  nach  Anlage  und  Neigung  auf  diesem  oder  jenem  Gebiet  weiter  umzuschauen,

  indem  er  zu  den  (Quellen  selbst  greift,  aus  denen  die  wissenschaftliche  Prosa
ausgewählt  ist.

Auf  Grund  dieser  quellenmäßigen  Literaturbetrachtungen  und  bei  fortwährender
Hleranziehung  der  politischen  und  kulturellen  Zeitgeschichte  wird  eine  Literaturkunde  und
L.iiteraturgeschichte  aufgebaut,  welche  di:  Literatur  als  einen  Teil  der  Geistesgeschichte
erkennen  läßt,  die  zeigt,  daß  die  deutsche  I.iteratur  nicht  etwas  einsam  und  von  andern
ldingen  isoliert  Dastehendes,  sondern  ein  Teil  und  zwar  ein  äußerst  umfassender  des
deutschen  Gseisteslebens  ist.  Eine  derartige  L.teraturgeschichte  ist  der  naturgemäße
Abschluß  des  Literaturunterrichts;  ein  fortlaufender  Unterricht  in  ihr  wird  richtiger
Weise  abgelehnt.

Daß  die  hierfür  nötige  quellenmäßige  Kenntnis  nicht  allein  durch  den  Unterricht
in  der  Klasse  vermittelt  werden  kann,  ist  selbstverständlich,  darum  tritt  die  häusliche
I.cktüre  helfend  ein.  Selbst  die  von  den  L.ehrplänen  genannten  größeren  Werke  werden
zu  Hause  gelesen.  Daneben  findet  eine  geordnete  Privatlektüre  in  Präparandenanstalt
und  Seminar  statt,  welche  besonders  auf  die  Klassiker  und  das  19.  Jahrhundert  Rücksicht
  nimmt.

Poetik,  Metrik  und  Sulistik  werden  nicht  als  besondere  theoretische  Disziplinen
getrieben;  die  Belchrungen  darüber  erfolgen  im  Anschluß  an  die  poetische  und
prosaische  Lektüre,  sowie  an  die  Aufsatzübungen.  Kine  Zusammenfassung  gibt  die
1.  Klasse.

Der  deutsche  Unterricht  behandelt  weiter  die  Sprache,  und  zwar  sowohl  theoretisch
als  Grammatik,  wie  praktisch  als  Übungen  im  mündlichen  und  schriftlichen  Gebrauch.
lange  hat  sich  der  Deutsche  seiner  Sprache  geschämt,  die  bäuerisch  und  ungelenk  sein
sollte.  Die  \Werke  der  Klassiker,  die  unvergleichliche  Blüte  der  deutschen  Wissenschaft
und  Technik  in  der  Jetztzeit,  die  politische  Einigung  und  die  Weltstellung  Deutschlands
hat  die  Deutschen  sich  auf  ihre  Sprache  besinnen  lassen.  Darum  muß  der  I.chrer  einen
Finblick  in  sie  erhalten,  nicht  nur  in  die  Klementar-Grammatik  und  die  Etymologie,  vielmehr
  auch  in  ihr  Werden  und  ihr  Wesen,  d.  h.  in  ihre  (seschichte,  ihren  Bestand  und
wie  sie  in  den  Mundarten  verschiedene  Formen  angenommen  hat.  Eine  wichtige  Aufgabe
  der  Sprachlehre,  aber  auch  aller  Uhnterrichtsfächer  bleibt  zudem  der  energisch«
Kampf  gegen  die  entbehrlichen  Fremdwörter.  Es  ist  weiter  vielfach  verlangt,  aber
ebenso  oft  bekämpft  worden,  den  Seminaristen  in  das  Mittelhochdeutsche  einzuführen
und  ihn  das  Nibelungenlied  im  Originaltext  lesen  zu  lassen.  Vie  Lehrpläne  von
1901  haben  diese  Forderung  nicht  erfüllt;  es  war  schon  genug  der  Neuerungen,
die  sie  brachten.  Vielleicht  liest  aber  in  absehbarer  Zeit  der  Seminarist  das  Nibelungenled
  im  Urtext.

Die  deutsche  Grammatik  wird  nicht  wie  eine  Fremdsprache  behandelt,  sie  beschränkt
  sich  auf  das  zur  Bildung  des  Sprachverständnisses  und  für  den  Einblick  in