Die  l.ehrerbildungsanstalten.  285

turvölker,  soweit  sie  für  die  vaterländische  Geschichte  von  Bedeutung

ist,  vermitteln.

Der  Hauptnachdruck  liegt  also  auf  der  vaterländischen  Geschichte.  Wohl  hat  das
Seminar  nie  den  verhängnisvollen  Fehler  anderer  Lehranstalten  begangen,  die  vaterländische
  Geschichte  nur  bis  1815,  vielleicht  auch  nur  bis  Friedrich  dem  Großen  und  dem
dreißigjährigen  Krieg  zu  behandeln,  —  die  Schulen  des  18.  Jahrhunderts  schlossen  sogar
mit  Karl  dem  Großen  ab!  Indes  vertrug  der  Seminargeschichtsunterricht  doch  eine  Erweiterung
  der  deutschen  (jeschichte,  namentlich  des  19.  Jahrhunderts.  So  haben  die
neuen  Lehrpläne  die  alte  Geschichte  mit  kühnem  Griff  der  1.  Präparandenklasse  zugewiesen
  und  dem  Seminar  allein  die  deutsche  Geschichte  vorbehalten,  und  zwar  der  3.  Klasse
die  Geschichte  bis  1648,  der  2.  Klasse  die  Ereignisse  bis  1815,  der  1.  Klasse  außer  der
Methodik  des  Geschichtsunterrichts  und  der  Einführung  in  die  Rechtsordnung  des  deutschen
  Reiches  und  Preußens,  die  Geschichte  von  1815  bis  zur  Gegenwart.  Die  Präparandenanstalt
  erledigt  in  der  3.  Klasse  die  deutsche  Geschichte  bis  1648,  in  der  2.  Klasse
den  Rest  unter  Hervorhebung  der  brandenburgisch-preußischen.

Man  hat  an  den  Lehrplänen  getadelt,  daß  dasselbe  (seschichtspensum  der  Präparandenanstalt
  im  Seminar,  nur  konzentrisch  erweitert,  wiederkehre.  Aber  kaum  ein  zweites
Fach  dürfte  es  geben,  wo  ein  derartiges  Verfahren  so  notwendig  ist,  als  gerade  hier.
Soll  eine  einigermaßen  fruchtbare  Behandlung  der  Geschichte  nach  den  Ursachen  und
Zusammenhängen  erfolgen,  soll  die  kulturelle  Entwicklung  zur  Geltung  kommen,  und  die
(seschichte  die  große  Lehrmeisterin  der  Gegenwart  bleiben,  so  muß  eine  Kenntnis  der
wichtigsten  Tatsachen  vorhanden  sein.  Und  die  Einprägung  der  Tatsachen  in  chronologischer
  Ordnung  wird  nachgerade  der  Präparandenanstalt  zugewiesen.  Sind  hier  die
hauptsächlichsten  Namen  und  Zahlen  gelernt  worden,  dann  erst  hat  der  Seminarist  einen
(ienuß  von  der  Geschichte,  —  und  Namen  und  Zahlen  (oft  wird  sie  darum  von  den
Lernenden  arg  gehaßt)  sind  so  notwendig,  wie  das  Skelett  für  den  Bestand  des  menschlichen
  Körpers.

Die  Präparandenanstalt  knüpft  in  der  3.  und  2.  Klasse  meist  an  die  bedeutenden
Persönlichkeiten  an.  Die  1.  Präparandenklasse,  welche  die  alte  Geschichte  behandelt,  und
das  Seminar  soll  den  Stoff  befestigen  und  vertiefen,  dann  aber  den  pragmatischen  oder
wie  es  der  Greschichtswissenschaft  gemäß  richtiger  heißen  muß,  den  genetischen  Zusammenhang
  der  Ereignisse  darlegen,  ferner  die  Entwicklung  der  politischen,  sozialen  und
kulturellen  Verhältnisse  vermitteln.  Auf  diese  Weise  vollzieht  sich  der  Geschichtsunterricht
  in  der  Form  der  Geschichtsbetrachtung.

Gerade  die  Betonung  der  Kultur  birgt  eine  große  Aufgabe  in  sich.  Wohl  enthalten
  so  ziemlich  alle  neuen  Schulbücher  „Kulturgeschichtliches‘,  —  aber  es  ist  kaum
mehr  als  ein  Anfang  zur  politischen  und  Kriegsgeschichte,  die  man  Jahrzehnte  einzig  als
Geschichte  gelten  ließ.  Die  Kulturgeschichte  kann  aber  garnicht  von  der  anderen  Geschichte
gelöst  werden,  sie  ist  mit  ihr  organisch  verknüpft.  Ja,  man  unterscheidet  in  der  Geschichtswissenschaft
  teilweise  nur  noch  Sozial-  und  Geistesgeschichte,  indem  ersterer  die  Geschichte
  der  sozialen  Verbände  zufällt,  sei  es  als  Staat,  Kirche,  Volk,  Gemeinde,  Familie,  sei
es  im  diplomatischen  oder  kriegerischen  Verkehr,  ferner  Recht,  Wirtschaft  und  Wohlfahrt,
der  Geistesgeschichte  dagegen  die  Entwicklung  von  Literatur,  Sprache,  Kunst,  Philosophie,
Wissenschaft  und  alles  dessen,  was  man  bisher  unter  dem  Sammelnamen  Kultur  zusammenfaßte.
  Auch  im  Seminarunterricht  muß  der  (Gsedanke  der  Kulturgeschichte  als  Geistesgeschichte
  und  ihre  organische  Verbindung  mit  der  anderen  Geschichte  energisch  zur
(seltung  kommen.  Die  Geschichte  der  Literatur,  in  obiger  Darlegung  auf  Grund  der
Lehrpläne,  erweist  sich  in  dieser  Form  als  ein  Teil  der  allgemeinen  geschichtlichen  Entwicklung,
  ebenso  die  (seschichte  der  Sprache,  von  der  an  derselben  Stelle  die  Rede  war.
Auch  die  Kirchengeschichte  gliedert  sich,  wie  bereits  erwähnt,  dem  geschichtlichen
Werden  ein.