Die  Lehrerbildungsanstalten.  291

nehmen.  Die  Verhältnisse  des  Hauses,  der  Landwirtschaft,  des  Gewerbes,  Handels  ur.d
Verkehrs  sind  zu  berücksichtigen,  ferner  die  Wirtschafts-  und  Wohlfahrtseinrichtungen  des
Staates  und  der  Gemeinden,  vor  allem  das  Versicherungswesen.  Hierbei  haben  die  oben
erwähnten  volkswirtschaftlichen  Belehrungen  zu  erfolgen,  so  z.  B.  über  Arbeit,  Kapital,
Preisbildung,  Lohn,  Miete,  Pacht,  Zins,  Wertpapiere,  Wechsel  und  Checkverkehr,  Märkte,
Messen,  Börsen,  Haushalt  der  Familie,  des  Gewerbebetriebes,  der  Gemeinde,  des  Staates,
Zölle,  Steuern,  Versicherangswesen  u.  a.  Weitere  Aufgaben  sind  einzelnen  Wissenszweigen,
  so  der  Natur-  und  Erdkunde  zu  entnehmen.  Bei  diesen  angewandten  Aufgaben
darf  aber  keine  willkürliche  Buntscheckigkeit  herrschen;  sie  sind  vielmehr  mit  Beziehung
auf  die  bezeichneten  Gebiete  nach  sachlichen  Gesichtspunkten  zu  ordnen.  Gerade  durch
derartige  Übungen  wird  Abwechslung  in  das  leicht  tote  Rechnen  und  die  rein  formale
Schulung  gebracht.  Die  Anwendung  auf  das  Leben  —  politische  Arithmetik  hat  man  es
neuerdings  genannt  —  und  auf  die  Wissenschaften,  für  welche  die  Mathematik  die  Grundlage
  zu  ihrem  Aufbau  ist,  geben  ihr  den  Charakter  eines  der  für  das  tägliche  Leben
und  die  wissenschaftliche  Forschung  wichtigsten  Fächer.

Der  zweite  Teil  der  Mathematik,  die  Raumlehre  führt  von  der  Anschauung  ausgehend
  die  Beweise  nicht  auf  elementarem  Wege  wie  die  Volksschule,  sondern  auf
logisch-wissenschaftlichem,  indem  sie  aus  dem  Gegebenen  ableitet  und  schließt,  und  durch
Verknüpfung  bekannter  Sätze  neue  Wahrheiten  findet.  Die  Präparandenanstalt  erledigt
in  der  3.  Klasse  die  Lehre  von  den  Linien,  Winkeln  und  Dreiecken,  in  der  2.  Klasse  die
vom  Parallelogramm,  Trapez,  regelmäßigen  Viereck  und  vom  Kreise;  die  1.  Klasse  behandelt
  die  Flächengleichheit  gradliniger  Figuren,  ihre  Berechnung  und  die  des  Kreises.
Im  Seminar  kommt  dazu  die  Proportionalität  gerader  Linien  und  die  Ähnlichkeit  der
Figuren,  ferner  Stereometrie,  Trigonometrie  und  Konstruktion  algebraischer  Ausdrücke.
Die  geometrischen  Lehrsätze  werden  auf  allen  Stufen  zur  Lösung  von  Konstruktionsund
  Berechnungsaufgaben  angewandt,  stets  unter  Berücksichtigung  des  praktischen  Lebens
und  der  Wissenschaft.

2.  Naturkunde.  Wie  schon  früher  bemerkt,  will  der  naturwissenschaftliche
  Unterricht  keine  Fachleute  heranziehen,  er  will  die
Natur  verstehen  lehren  und  für  sie  begeistern.  Darum  liegt  das
Hauptgewicht  nicht  auf  möglichst  großem  Umfang  der  zu  behandelnden
Gebiete,  nicht  auf  endlosem  Wissen  von  Tatsachen,  sondern  auf
gründlicher  Durcharbeitung  beschränkter  aber  um  so  wertvollerer
Lehrstoffe.  Die  Lehrpläne  sprechen  als  Ziel  auch  nur  von  »Eirführen«
  in  die  verschiedenen  Disziplinen.

Es  ist  ein  anziehendes  Kapitel  aus  der  Weltgeschichte,  die  Flucht  von  der  Kultur
zur  Natur  zu  verfolgen.  Sie  ist  immer  wieder  die  große  l,ehrmeisterin  geworden,  sei  es
im  wissenschaftlichen  Erkennen  oder  im  künstlerischen  Emptinden,  sei  es  als  Weckerin
oder  Beherrscherin  der  psychischen  Gefühle,  sei  es  im  Ansporn  zu  zielbewußtem  \Vollen
oder  im  ernsten  Selbstbescheiden,  ihr  ohnmächtig  gegenüber  zu  stehen.  Der  naturwissenschaftliche
  Unterricht  hat  darum  mit  rechtem  Nachdruck  auf  die  große  Bedeutung
der  Natur  im  Geistesleben  der  Völker  und  im  Geistesdasein  des  einzelnen  hinzuwirken,
Verständnis  und  Sinn  für  ihre  Großartigkeit,  Ordnung  und  (sesetzmäßigkeit  zu  wecken,
er  hat  zuletzt  von  der  Schöpfung  und  dem  (seschöpf  zum  Schöpfer  hinzuleiten.  Die
hervorragendsten  Naturforscher  bis  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  erkannten  Gott  in  der
Natur  —  den  Großen  im  Reiche  der  Geister  war  sie  eine  Förderin  der  Gedanken,
eine  Freundin,  eine  Trösterin.  Es  sei  nur  an  Goethes  Gedankenlyrik  erinnert:  „Füllest
wieder  Busch  und  Tal  Still  mit  Nebelglanz“,  singt  er  in  seinem  Gedicht  „An  den  Mond“
und  fährt  dann  fort:  „T.ösest  endlich  auch  einmal  Meine  Seele  ganz“.  Aber  der  natur-19*

