202  Die  Volksschullehrerbildung.

wissenschaftliche  Unterricht  läuft  Gefahr,  wie  es  die  Wissenschaft  von  der  Natur  Jahrzehnte
  lang  getan  hat,  kalt  die  Tatsachen  von  ihr  und  ihre  Gesetze  und  Ursachen  zu
verzeichnen,  ohne  daß  der  glühende  Lebensodem  zu  verspüren  ist,  der  das  All  durchweht.
  Schillers  Worte  in  dem  Gedichte:  „Die  Götter  Griechenlands“

„Wo  jetzt  nur,  wie  unsre  Weisen  sagen,
Seelenlos  ein  Feuerball  sich  dreht,

Lenkte  damals  seinen  goldnen  Wagen

Helios  in  stiller  Majestät“  und

„Gleich  dem  toten  Schlag  der  Pendeluhr,
Dient  sie  knechtisch  dem  Gesetz  der  Schwere,
Die  entgötterte  Natur“  —

geben  dem  Naturgeschichtslehrer  der  Jetztzeit  eine  mahnende  Anregung!

Je  größer  und  umfangreicher  sich  die  Naturerkenntnis  gestaltet,  um  so  demütiger
hat  sich  der  Mensch  vor  der  Allmacht  und  Größe  Gottes  zu  bescheiden.  Dazu  mahnen
ihn  auch  die  Grenzen,  welche  dem  Naturerkennen  gesetzt  sind.  Der  große  Physiologe
du  Bois-Reymond  hat  es  verkündet,  daß  auf  viele  Dinge  der  Natur  noch  lange  die  Antwort
lauten  muß:  ignoramus  —  daß  aber  bei  der  Frage,  was  Stofl,  was  Kraft  sei,  es  heißt:
ignorabimus!  Und  doch  soll  der  naturgeschichtliche  Unterricht  den  Zögling  mit  Stolz  erfüllen,
  wie  der  Mensch  sich  die  Naturkräfte  dienstbar  gemacht  hat  —  „füllet  die  Erde
und  machet  sie  euch  untertan“,  so  steht  im  1.  Kapitel  der  Genesis!  Der  Mensch  hat
sich  mit  Dampf  und  Elektrizität,  durch  Eisen  und  Dynamit  Wege  gebahnt  und  Wunderwerke
  geschaflen.  Die  „Weltwunder  der  Neuzeit“,  welche  die  Technik  auf  Grund  von
Mathematik  und  Naturwissenschaft  hat  entstehen  lassen,  sollen  die  Lebenden  mit  Ehrfurcht
vor  Menschenkraft  und  Menschenweisheit  erfüllen,  sie  sollen,  wie  man  ausgeführt  hat,
verstehen  lehren,  welch  eine  Bedeutung  das  Sophokleische  Chorlied  für  die  Gegenwart
hat:  „Vieles  Gewaltige  lebt,  doch  nichts  ist  gewaltiger  als  der  Mensch“.  —  Und  wieder,
Sturm  und  Wasser  stürzen  die  Brücken  und  zerreißen  die  Telegraphendrähte  und  Eisenbahnschienen,
  auf  denen  nach  dem  Worte  des  Ingenieurs  Max  Maria  von  Weber,  «dem
Sohne  des  Tondichters  aus  der  Romantik,  der  Menschheit  eine  neue  Sinfonia  eroica  aufgespielt
  werden  soll.  —  Jene  Riesenkanonen  zerstören  in  einem  Augenblicke  «das  Panzerschifl,
  jene  schwimmende  Stadt,  an  der  tausend  fleißige  Hände  jahrelang  schufen,  und
die  nicht  bewahrte  Kraft  zertrümmert  blühende  Menschenleben,  die  als  Prometheuxnaturen
  im  Hochgefühl  ihres  Selbst  glaubten,  gerade  jene  Kräfte  zu  zwingen,  —  (die
glaubten,  wie  einst  die  Giganten  den  Ossa  auf  den  Pelion  türmen  zu  können,  um  den
Olymp  zu  erstürmen!  Drum  hat  auch  hier  wieder  der  Unterricht  zu  betonen,  wie  es
Justinus  Kerner  in  seinem  Gedichte  „Im  Eisenbahnhofe“  mahnend  zum  Ausdruck  bringt:

Fahr  zu,  o  Mensch!  treib's  auf  die  Spitze,
Vom  Dampfschiff  bis  zum  Schiff  der  Luft,
Flieg'  mit  dem  Aar,  flieg’  mit  dem  Blitze!
Kommst  weiter  nicht,  als  bis  zur  Gruft!  —  —

Auch  in  der  Naturkunde  wird  auf  die  (Juellen  zurückgegangen,  indem  Anschauung
und  Versuche  die  Ausgangspunkte  bilden,  und  indem  dabei  die  Zöglinge  durch  Beobachtung
  und  Nachdenken  die  Erscheinungen  und  Gesetze  erkennen.  lazu  gehört
weiter  die  Unterweisung  im  Gebrauch  von  Lupe  und  Mikroskop,  sowie  die  planmäßig
releitete  Beobachtung  in  der  Natur  selbst  «durch  diesem  Zwecke  dienende  Ausflüge,  und
die  etwa  zu  ermöglichenden  Besichtigungen  von  Fabriken  und  Werkstätten.

Behandelt  werden  Naturbeschreibung  (Pflanzen-,  Tier-r  und  Menschenkunde),
P’hysik,  Chemie  einschließlich  Mineralogie.  Zur  Verfügung  stehen  der  Präparandenanstalt
in  der  3.  Klasse  zwei,  in  den  anderen  beiden  Klassen  und  in  den  beiden  unteren  Seminarklassen
  je  vier  wöchentliche  Stunden.  Der  Unterricht  in  der  Pflanzenkunde  behandelt  in
der  3.  und  2.  Präparandenklasse  die  heimatlichen  Samenpflanzen,  in  der  1.  dagegen  die