Die  Lehrerbildungsanstalten.  295

eine  kurze  Einführung  in  die  Kartographie.  Als  wichtigstes  Hilfsmittel  zur  Einprägung
des  Kartenbildes  wird  auf  allen  Stufen  seitens  der  Zöglinge  das  Entwerfen  von  Kartenskizzen
  an  der  Wandtafel  und  im  Hefte  fleißig  geübt.

3.  Die  künstlerischen  Fächer.

1.  Kunstunterricht.  Schreiben,  Zeichnen,  Turnen  und  Musik  pflegt  man
gewöhnlich  als  technische  Fächer  zu  bezeichnen.  Darin  liegt  eine  arge  Unterschätzung,
zu  der  die  Behandlung  nur  von  der  rein  technischen  Seite,  sowie  die  geringe  Einschätzung
gegenüber  den  wissenschaftlichen  Fächern,  mit  einem  Wort,  ihre  Stellung  im  Gesamtunterricht
  wesentlich  beigetragen  hat.  Musik  und  Gymnastik  —  sie  sollen  übrigens
Beratungsgegenstände  des  kommenden  3.  deutschen  Kunsterziehungstages  bilden  —  waren
bei  den  Griechen  künstlerisch  hoch  eingeschätzt,  während  die  zeichnenden  Künste  seit
Albrecht  Dürers  Tagen  eine  echt  deutsche  Kunst  gewesen  sind,  und  die  Gegenwart  wieder
die  Schwarzweißkunst,  auch  das  Schreiben  gehört  hierzu,  besonders  hoch  zu  schätzen  weiß.
Bisher  hat  man  die  technische  Seite  der  künstlerischen  Fächer  zu  sehr  betont  und  vergessen,
  daß  jene  doch  dem  Gebiete  der  Kunst  angehören.  Mit  gleichem  Rechte  könnte
man  Sprachlehre,  Geschichte,  Natur-  und  Erdkunde  als  technische  Fächer  bezeichnen,  nur
weil  zu  ihrem  erfolgreichen  Betrieb  eine  gewisse  geistige  Handfertigkeit  notwendig  ist,
nämlich  die  Kenntnis  der  Elemente.  Trotzdem  sind-  sie  indes  als  wissenschaftliche  Fächer
anerkannt.  Ebenso  müssen  Schreiben,  Zeichnen,  Musik  und  Turnen  als  künstlerische
Fächer  eingeschätzt  werden,  wenn  auch  die  Aneignung  der  technischen  Fertigkeiten  hier
einen  breiten  Raum  beansprucht,  und  obgleich  bisher  die  künstlerische  Seite  oft  nur  sparsam
zum  Ausdruck  kam  und  wiewohl  auch  andere  Gründe  sehr  für  Pflege  einzelner  Fächer
maßgebend  sind,  z.  B.  für  Musik  die  Notwendigkeit,  Kirchenorganisten  zu  haben,  oder
für  das  Turnen,  den  Körper  und  den  Willen  zu  stählen.

Die  bildenden  Künste  haben,  von  dem  Zeichnen  abgesehen,  bisher  noch  keine
Stätte  im  Seminarunterricht.  Wohl  sollen  die  Besprechungen  in  der  Geschichte  auf  (die
kulturgeschichtlichen  Verhältnisse  Rücksicht  nehmen,  und  darin  ist  die  Kunst  eingeschlossen,
ferner  sind  im  Deutschen  Aufsätze  über  Kunst  zu  lesen.  Doch  wird  ein  besonderer
Kunstunterricht  empfohlen,  bei  dem  ganz  wie  in  der  Literatur  die  Betrachtung  im
Vordergrund  steht,  bei  dem  aber  auch  die  Kunstgeschichte  durch  Aufbau  auf  der  Kunstbetrachtung
  zu  einem  gewissen  Recht  kommt  und  sich  als  Teil  der  allgemeinen  Gseistesgeschichte
  darstellt.  Die  Hauptsache  ist,  Kunstverständnis  durch  Einführung  in  die
Probleme  der  Kunst  auf  Grund  ihrer  Werke  zu  wecken  und  das  Sehen  zu  lehren,  wie  es
jetzt  schon  der  Zeichenunterricht  tut.  Ganz  wie  in  Geschichte  und  Erdkunde  müßte  der
Nachdruck  auf  dem  deutschen  Vaterland  liegen;  das  schließt  natürlich  nicht  aus,  an
geeigneter  Stelle  die  außerdeutsche  Kunst  heranzuziehen,  indes  ist  jene  Ansicht,  als  ob
Griechenland  und  Italien  die  allein  maßgebenden  Vorbilder  der  Kunst  seien,  zurückzuweisen.
  Die  Frage,  ob  sich  eine  Unterweisung  in  der  bildenden  Kunst  für  den
Volksschullehrer  geziemt,  ist  mit  den  gleichen  Gründen  zu  widerlegen,  wie  die  Angriffe
gegen  seine  Ausbildung  in  den  wissenschaftlichen  Fächern.  Zudem  ist  die  Kunst  ein
l.ebensnerv  eines  jeden  einzelnen  und  eines  jeden  Volkes,  sie  ist  eine  Macht  gegenüber
der  weite  Kreise  beherrschenden  materiellen  Gesinnung.  Der  Lehrer  braucht  sie  zu  seinem
eigenen  Wohle,  zu  seiner  Charakterbildung  —  er  braucht  sie  als  Erzieher  des  Volkes!

Mehr  als  eine  Wochenstunde  würde  sich  vorläuhg  nicht  erübrigen  lassen;  aber  sie
kann,  da  der  Zeichenunterricht  helfend  eintritt,  bei  geschickter  Ausnutzung  immerhin
genügen.  In  der  3.  Klasse  des  Seminars  wären  Malerei  und  die  zeichnenden  Künste,  in
der  2.  Klasse  Bildhauerei  und  Baukunst  sowie  das  große  Gebiet  des  Kunstgewerbes  zu
besprechen.  Das  letzte  Scminarjahr  hätte  die  geschichtliche  Zusammenfassung  unter
ergänzender  Einführung  kunstgeschichtlich  wichtiger,  aber  noch  nicht  betrachteter  Deukmäler
  zu  geben.  Ferner  müßten  Übungen  im  selbständigen  Betrachten  von  Kunstwerken