96  Die  Volksschullehrerbildung.

stattinden,  sowie  die  methodische  Unterweisung  zur  Behandlung  bei  Kindern.  Den
Kunstunterricht  mit  Eintritt  in  die  1.  Klasse,  ebenso  wie  Mathematik,  Natur-  und  Erdkunde
  abzuschließen  und  nur  die  Methodik  und  Übung  im  selbständigen  Betrachten  aufzusparen,
  ist  nicht  gut  möglich,  weil  die  kunstgeschichtliche  Zusammenfassung  auf  die  im
letzten  Seminarjahr  erst  zur  Behandlung  konımende  allgemeine  Geschichte  und  literatur
des  19.  Jahrhunderts  Rücksicht  nehmen  muß.

2.  Schreiben.  Das  Ziel  des  Schreibens  ist  eine  deutliche,  sorgfältige  und
geläuige  Handschrift,  aber  auch  die  Fähigkeit  der  sauberen  und  ordentlichen  Anfertigung
schnell  geschriebener  Schriftsätze.  Die  Ergebnisse  des  Schreibunterrichts  dürfen  aber
nicht  bloß  in  ihm  selbst,  sondern  sollen  in  allen  Fächern  sich  geltend  machen,  insbesondere
auch  in  den  für  den  eigenen  Gebrauch  angefertigten  Entwürfen  und  Ausarbeitungen  der
Z/öglinge.  Für  die  3.  und  2.  Klasse  der  Präparandenanstalt  sind  je  zwei,  für  die  1.  Klasse
je  eine  Stunde  wöchentlich  angesetzt.  In  der  3.  Klasse  wird  deutsche  und  lateinische
Schrift  in  genetischer  Folge  der  Buchstabenformen  geübt,  ebenso  das  Takt-  und  Ziflernschreiben.
  Die  2.  Klasse  treibt  Übungen  im  Schönschreiben  und  in  zusammenhängender
deutscher  und  lateinischer  Schrift,  während  die  1.  Klasse  auf  Übungen  im  schnellen  und
doch  guten  Schreiben  großen  Wert  legt.  Im  Seminar  wird  kein  Schreibunterricht  erteilt.
Fs  soll  aber  streng  darauf  geachtet  werden,  daß  sich  in  allen  Schriftsätzen  eine  gute,
deutliche  und  sorgfältige  Handschrift  findet.  Zudem  haben  die  Seminaristen  der  3.  Klasse
monatlich,  die  der  2.  und  1.  Klasse  vierteljährlich  eine  Probeschrift  zu  fertigen.  Viel
hat  man  (darüber  gestritten,  ob  die  deutschen  oder  die  lateinischen  Schriftzeichen  den
Vorzug  verdienen  —  der  Hauptnachdruck  muß  vielmehr  auf  einer  Schrift  liegen,  die  trotz
der  gebotenen  Eile  die  künstlerische  Gestaltung  nicht  verleugnet.

3.  Zeichnen.  Ein  großer  Schade  in  der  künstlerischen  Ausbildung  der  gegenwärtigen
  Generation  ist  es,  daß  sie  das  Sehen  der  Formen  sowie  das  Schätzen  der  Farben
nicht  gelernt  hat.  Die  Werke  der  neuesten  Kunst  werden  oft  falsch  beurteilt  und  verurteilt,
  nur  weil  der  Beschauer  keinen  Blick  für  die  Natur  besitzt,  weil  ihm  das  Verständni:
für  leuchtende  Farben  fehlt.  Darum  bezeichnen  die  Lehrpläne  als  Ziel  des  Zeichenunterrichts
  das  Sehen  von  Formen  und  Farben  sowie  das  Darstellen  einfacher  (jegenstände
nach  der  Natur.  Es  gliedert  sich  in  Freihand-  und  Liinearzeichnen.  In  ersteren  soll  der
Zögling  Größenverhältnisse,  perspektivische  und  Beleuchtungserscheinungen  frei,  ohne
Vorlageblatt,  ohne  Messen  am  Modell  und  ohne  Benutzung  mechanischer  Hilfsmittel,  wie
Zirkel,  Lineal  u.  s.  f.  auflassen  und  auf  Grund  selbständiger  Beobachtung,  auch  in  den
natürlichen  Farben  wiedergeben.  Hlierbei  werden  auch  Skizzierübungen  veranstaltet,  die
bezwecken,  zum  Erfassen  der  charakteristischen  Eigenschaften  eines  Gegenstandes  und  zur
lebendigen  Wiedergabe  zu  führen.  Um  das  wesentliche  einer  Erscheinung  klar  zu  machen
und  einzuprägen  wird  das  Zeichnen  aus  dem  Gedächtnis  gepflegt.  Das  Linearzeichen
beabsichtigt  dagegen  ohne  Vorlageblätter  mit  Hilfe  von  Lineal  und  Zirkel  das  konstruktive
Darstellen  zu  üben.

Das  Freihandzeichnen  steht  im  Vordergrund.  In  der  Präparandenanstalt  —  jede
Klasse  erhält  zwei  Stunden  wöchentlich  —  werden  zunächst  ebene  Gebilde  und  Huche
Formen  aus  dem  Anschauungskreise  des  Schülers  gezeichnet,  besonders  Naturformen.
Dann  kommt  in  der  2.  und  1.  Klasse  das  Darstellen  einfacher  Gebrauchsgegenständtk,
und  von  Naturformen  (Blätter,  Früchte,  Muscheln  u.  a).  Das  Zeichnen  flacher  Formen,
wie  es  bereits  in  der  3.  Klasse  geschah,  wird  fortgesetzt,  auch  aus  dem  (redächtnis.
JJazu  kommen  Übungen  im  Treflen  von  Farben  nach  Naturblättern,  hauptsächlich  Herbstlaub,
  Schmetterlingen,  Fliesen,  Stoflen  usw.  Ferner  finden  Skizzierübungen  statt.  Im
Seminar  —  die  3.  und  2.  Klasse  hat  je  zwei,  die  1.  Klasse  nur  eine  Stunde  —  werden
in  der  3.  Klasse  einfache  Natur-  und  Kunstformen,  so  Geräte,  (jefäße,  plastische  Ornamente,
Architekturteile  usw.  dargestellt,  Geräte,  (sefäße,  natürliche  Blumen,  Zweige,  Früchte,
Tiere,  besonders  Vögel  und  Schmetterlinge,  u.  a.  mit  Wasserfarben  gemalt.  Einfache
Gebrauchsgegenstände  sind  auch  an  der  Schultafel  aus  dem  Gedächtnis  zu  zeichnen.  In