298  Die  Volksschullehrerbildung.

das  Netzballspiel  (lawn  tennis)  den  Vorzug.  Im  Winter  tritt  an  Stelle  der  Turnspiele
möglichst  der  Eislauf.  Die  volkstümlichen  Übungen  des  Laufens,  Springens  und  \Weriens
können  auch  in  Form  von  Wettspielen  getrieben  werden.  Ebenso  erfährt  der  Reigen
seine  Pflege,  wobei  sich  in  hervorragender  \Weise  die  harmonische  Verbindung  von
Turnen  und  Musik  zeigt.  Dazu  treten  dann  die  Turn-  und  Wanderfahrten!  Freude  an
der  Natur  zu  wecken,  Anstrengungen  zu  ertragen  lehren,  ist  ihre  Aufgabe.  Unter  irohem
l.iederklang  findet  der  Geist  Erholung  von  anstrengender  Arbeit.  Wenn  dann  noch  die
empfohlenen  Schätzungen  von  Entfernungen  unternommen  werden,  so  ist  das  eine  nicht
gering  zu  veranschlagende  Pfiege  des  an  den  Blick  in  die  Weite  nicht  gewöhnten  Auges,
das  sonst  immer  nur  im  Studierzimmer  über  den  Büchern  weilend  mehr  angestrengt
wird  als  dieser  „edlen  Himmelsgabe“,  wie  sie  der  Dichter  nennt,  frommt.

Für  das  Gerätetumen  sind  in  jeder  Klasse  außer  der  Spielsiunde  noch  zwei
Stunden  wöchentlich  festgesetzt;  in  der  1.  Seminarklasse  ist  allerdings  eine  \Wochenstunde
  für  die  Methodik  bestimmt.  Die  3.  Präparandenklasse  wiederholt  die  Stofle  der
Volksschule,  in  der  2.  und  1.  Klasse  werden  die  Stofle  unter  Anwendung  der  für  die
Volksschule  nicht  vorgesehenen  Geräte,  wie  Bock,  Sturmlauf,  wagerechter  Leiter  angemessen
  erweitert.  Im  Seminar  treten  Springkasten,  Pferd  und  Schaukelringe  hinzu,  hier
sind  auch  gerade  die  volkstümlichen  Übungen  zu  pflegen.

Wo  sich  irgend  die  Möglichkeit  bietet,  wird  im  Sommer  Schwimmunterricht  erteilt.
  Alle  Zöglinge  sollen  im  Verlaufe  der  Seminarzeit  im  Schwimmen  und  in  den  notwendigen
  Wassersprüngen  tüchtig  werden.

5.  Musik.  Man  hat  gesagt,  daß  es  drei  Sprachen  gebe,  die  in  aller  Welt  jedermann
  verstände,  zuerst  der  (sedanke  der  christlichen  Erlösung,  weiter  die  Liebe,  endlich
die  Musik.  Gerade  das  deutsche  Volk  hat  die  Musik  zu  pflegen  gewußt.  Martin  Luther,
der  gewissermaßen  den  Typus  des  deutschen  Familienlebens  schuf,  erklärte  „Frau
Musikam“  für  eine  „schöne,  herrliche  Gabe  Gottes  und  nahe  der  Theologie“.  Und  wenn
ludwig  Richter,  einer  der  deutschesten  Meister,  uns  das  köstliche  Bild  „Hausmusik“  beschert
  hat,  so  zeigt  er,  wie  draußen  der  Sturm  heult  und  der  Regen  auf  die  spitzen
Giebeldächer  darniedergeht,  während  drinnen  der  Vater  am  einfachen  Tafelklavier  sitzt,
und  Frau  und  Kinder  in  den  Gesang  einstimmen.  Oder  er  führt  uns  in  seinem  Bilde
„Hhre  sei  Gott  in  der  Höhe“  auf  den  altersgrauen  Turm  der  gewuchtigen  Stadtkirche:
Der  Stadtmusikus  und  seine  (iesellen  blasen  auf  ihren  ‘Trompeten  und  Posaunen  vereint
mit  den  Stimmen  der  jubelnden  Kinder  das  Lied  „Vom  Himmel  hoch,  da  komm  ich
her‘  hinein  in  die  heilige  Weihenacht!

Es  ist  das  große  Verdienst  des  Seminars,  daß  seit  langem  schon  die  Musik  im
deutschen  L,ehrerhause  heimisch  ist,  daß  der  Volksschullehrer  wesentlich  mitarbeitet,  die
liebe  zu  ihr  im  deutschen  Volke  wach  zu  halten,  keine  Kunst  hat  in  solchem  Umfange
bisher  ihre  Pflege  gefunden  als  gerade  sie.

Die  Lehrpläne  heben  allerdings  scharf  den  praktischen  Grund  für  ihren  Betrieb
hervor,  d.  i.  die  Befähigung,  Gesangunterricht  zu  erteilen  und  ein  Kirchenamt  zu  verwalten.
  Aber  die  ganze  Handhabung  ist  seit  Jahren  ein  Zeichen  dafür,  wie  die  ideale
und  erzieherische  Seite  dieser  Kunst  erfolgreich  und  verständnisvoll  eine  Stätte  gefunden
  hat.

Keinem  Zweifel  unterliegt  es,  daß  die  Musik  einen  sehr  breiten  Raum  auf  den
I.chrerbildungsanstalten  einnimmt.  In  der  Präparandenanstalt  hat  die  3.  Klasse  vier,  die
2.  Klasse  fünf,  die  1.  Klasse  sechs,  im  Seminar  in  jeder  Klasse  je  fünf  Unterrichtsstunden;
  dazu  kommt  eine  Reihe  außer  dieser  Zeit  liegender  Übungsstunden.  Der  große
Umfang  ist  durch  die  Tatsache  bedingt,  daß  mit  den  meisten  Lehrerstellen  auf  dem
l.ande  und  mit  vielen  in  kleineren  oder  selbst  mittleren  Städten  ein  Kirchenamt,  d.  h.
das  Kantor-  und  Organistenamt  verbunden  ist.  Schon  oft  und  nicht  immer  ohne  Grund
ergrcht  die  Forderung,  bei  den  immer  mehr  gesteigerten  Anforderungen  der  wissenschaftlichen
  Fächer  die  Musik  einzuschränken.  Es  ist  vorgeschlagen  worden,  besondere  ein-