ERSTER  ABSCHNITT.

Das  Taubstummen-Bildungswesen  im  Deutschen  Reich.

I.  Geschichtliche  Entwicklung  des  Taubstummen-Bildungswesens
  in  Deutschland.

Deutschland  darf  sich  mit  zu  den  Ländern  rechnen,  in  denen
der  Taubstummenunterricht  zuerst  in  geordneter  Weise  betrieben
worden  ist.  Einzelne  Versuche  in  dieser  Richtung  sind  schon  in
früheren  Jahrhunderten  zu  verzeichnen.  So  unterrichtete  der  Probst
Joachim  Pascha  zu  Wusterhausen  a.  d.  Dosse  (1527—1578)  seine
taubstumme  Tochter  erfolgreich  mit  Hilfe  von  Bildern.  Dr.  G.
Raphel,  Superintendent  in  Lüneburg,  berichtet  in  einer  1718  erschienenen
  Schrift:  „Kunst,  Taube  und  Stumme  reden  zu  lehren“,  über
die  Methode,  die  er  bei  dem  Unterricht  seiner  drei  taubstummen
Kinder  angewandt  hatte.  Auch  der  Superintendent  Lasius  veröflentlichte
  eine  „Ausführliche  Nachricht  von  der  geschehenen  Uhnterweisung
  der  taub-  und  stummgeborenen  Fräulein  von  Meding“
(Leipzig  1778),  und  der  Pfarrer  Arnoldi  zu  Großenlinden  bei  Gießen
schuf  um  diese  Zeit  in  seinem  Hause  schon  in  gewissem  Sinne  eine
kleine  Taubstummenanstalt  und  veröffentlichte  über  seine  Methode
eine  „Praktische  Unterweisung,  taubstumme  Personen  reden  und
schreiben  zu  lehren  (Gießen  1777,  Fortsetzung  1781).

Immer  aber  handelte  es  sich  nur  um  einzelne  Unterrichtsversuche;
die  Mittel,  allen  Taubstummen  zu  helfen,  wurden  erst  von  dem
Abbe  de  l’Epee  in  Frankreich  und  von  Samuel  Heinicke  in  Deutschland
  gefunden.  Samuel  Heinicke  hatte  nach  einer  bewegten  Jugend
eine  Stellung  als  Lehrer  und  Organist  in  Eppendorf  bei  Hamburg
gefunden.  Hier  begegnete  ihm  ein  taubstummer  Knabe,  und  da  er
sich  bereits  in  Dresden  mit  einem  solchen  Kinde  beschäftigt  hatte,