348  Taubstummen-  und  Blindenunterricht.

entschloß  er  sich,  sich  jenes  Knaben  anzunehmen.  Bald  fanden  sich
noch  andere  taubstumme  Kinder  hinzu,  und  so  entstand  in  Eppendorf
  eine  kleine  Taubstummenanstalt,  deren  Erfolge  bald  so  bekannt
wurden,  daß  der  Kurfürst  Friedrich  August  von  Sachsen  bei
Heinicke  anfragen  ließ,  ob  er  nicht  in  seine  Heimat  zurückkehren
und  hier  eine  Taubstummenanstalt  einrichten  wollte.  Kurz  entschlossen
  siedelte  er  im  Jahre  1778  nach  Leipzig  über  und  eröffnete
daselbst  am  14.  April  die  erste  öffentliche  deutsche  Taubstummenanstalt,
  durch  die  die  Anregung  zur  Gründung  weiterer
Anstalten  gegeben  wurde.

Heinicke  stützte  sich  bei  seinem  Verfahren  auf  die  Schrift  des
aus  der  deutschen  Schweiz  gebürtigen  Dr.  Amman.  „Surdus  loquens
s.  methodus,  qua,  qui  surdus  natus  est,  loqui  discere‘“‘  (Amsterdam,
16%),  in  der  sich  eine  ausführliche  Darlegung  des  Artikulationsunterrichts
  findet.  Was  Heinicke  für  seinen  Unterricht  hier  vorfand,
war  aber  sehr  wenig;  er  mußte  sich  den  eigentlichen  Sprachlehrgang
selbständig  schaffen,  und  wir  verdanken  ihm  hauptsächlich  die  Art
der  methodischen  Behandlung  des  Sach-  und  Sprachunterrichts  und
die  Mittel  für  die  allmähliche  Verknüpfung  des  Denkens  und
Sprechens..  Man  hat  deshalb  Heinicke  nicht  mit  Unrecht  den
Schöpfer  der  deutschen  Methode,  d.  i.  der  Lautsprachmethode  für
Taubstumme,  genannt.  Ein  Verdienst  kann  ihm  niemand  streitig
machen:  in  der  Zeit,  da  die  Zeichenmethode  sich  von  Frankreich
aus  immer  mehr  verbreitete  und  in  den  Taubstummenanstalten  an
Herrschaft  gewann,  war  es  Heinicke,  der  mit  seltener  Energie  und
freiem  Mute  für  den  Lautsprachunterricht  eintrat  und  durch  seine
Lehrtätigkeit  die  eminente  Bedeutung  dieses  Unterrichts  für  die
Taubstummen  erwies.  Leider  hat  er  sein  Unterrichtsverfahren  nur
in  ungenügender  Weise  dargelegt;  er  hielt  dasselbe  vielmehr  nach
Möglichkeit  geheim  und  schadete  damit  sich  und  seiner  Methode.

Von  nun  ab  beschäftigte  sich  eine  größere  Zahl  von  Männern
mit  dem  Taubstummenunterricht,  die  ihre  Gedanken  untereinander
austauschten,  wodurch  diese  Klärung  und  Befestigung  erfuhren.  Die
Versuche  aufs  Geratewohl  gestalteten  sich  nach  und  nach  zur  Uhnterrichtsarbeit
  nach  festen  Systemen,  und  was  nicht  minder  wertvoll
war,  die  Tore  der  Anstalten  öffneten  sich  nunmehr  einer  größeren
Zahl  von  Taubstummen.

Als  erste  segensreiche  Wirkung,  die  von  der  Leipziger  Anstalt
ausging,  war  die  Gründung  einer  Taubstummenanstalt  in  Preußen.
Ein  Schüler  und  Schwiegersohn  Heinickes,  Dr.  Ernst  Adolf  Eschke,