Das  Taubstummenbillungswesen  im  Deutschen  Reich.  3067

gingen  von  dem  an  sich  verständigen  Gedanken  aus,  die  Bildung  der
Taubstummen  auf  die  natürliche  Gebärde  zu  gründen,  diese  methodisch
  auszugestalten  und  eine  künstliche  Zeichensprache  zu  schaffen,
die  ihrem  Inhalte  und  Umfange  nach  der  Lautsprache  analog  war.
Neben  der  nur  für  Eingeweihte  verständlichen  Gebärdensprache  vermittelte
  man  den  Kindern  als  allgemeines  Verständigungsmittel  die
Schriftsprache  und  als  Ersatz  für  die  Schrift  das  Fingeralphabet.
Diese  von  de  I’Epee  erfundene  Methode  verbreitete  sich  hauptsächlich
in  Frankreich;  man  nennt  sie  daher  auch  die  französische.

Die  Anhänger  des  zweiten  Systems  betraten  einen  andern  Weg.
Ohne  die  natürliche  Gebärde  zu  verwerfen,  waren  sie  —  und  zu
ihnen  gehören  die  ersten  Taubstummenlehrer  Deutschlands  —  bestrebt,
  den  Taubstummen  das  allgemeine  Verständigungsmittel,  die
Lautsprache,  zu  geben  und  zugleich  die  Schriftsprache  zu  lehren.
Als  eigentlicher  Begründer  dieses  Verfahrens  ist  der  Schweizer
Amman  zu  bezeichnen.  Heinicke,  ein  Deutscher,  hat  die  Lautsprachmethode,
  auch  deutsche  Methode  genannt,  vervollkommnet
und  ihre  praktische  Durchführbarkeit  und  Bedeutung  nachgewiesen.

Während  de  l’Epee  das  von  ihm  eingeschlagene  Verfahren  eingehend
  darlegte,  nach  Möglichkeit  zu  verbreiten  suchte  und  die  von
ihm  in  Paris  gegründete  Anstalt  für  jedermann  öffnete,  deckte
Heinicke  seine  Methode  mit  dem  Schleier  des  Geheimnisvollen,  sodaß
  niemand  recht  erfuhr,  was  er  in  der  Leipziger  Anstalt  trieb.
Es  konnte  daher  nicht  ausbleiben,  daß  sich  die  französische  Methode
immer  mehr  ausbreitete  —  auch  bis  nach  Deutschland  hinein  —  und
an  Herrschaft  gewann.  Die  Vertreter  der  beiden  Richtungen  bekämpften
  sich  in  heftigster  Weise,  und  dieser  Widerstreit  der  Meinungen
  hat  bis  in  die  neuste  Zeit  hinein  gewährt.

Die  Heinickeschen  Bestrebungen  wurden  im  Anfange  des
19.  Jahrhunderts  fast  gänzlich  aus  dem  Auge  verloren,  wie  überhaupt
damals  ein  bedenklichker  Rückgang  in  der  Methode  des  Taubstummenunterrichts
  eintrat.  Während  auf  dem  Gebiete  der  Volksschule,
  angeregt  durch  den  großen  schweizer  Pädagogen,  eine  neue,
herrliche  Zeit  erstand,  während  man  hier  wetteiferte,  die  Methode
zu  vervollkommnen  und  reichere  Unterrichtserfolge  zu  erzielen,
isolierte  man  nicht  nur  die  Taubstummen  in  Internaten,  sondern
auch  die  Taubstummmenlehrer  separierten  sich  und  wurden  nicht  berührt
  von  der  gewaltigen  Umwälzung,  die  sich  auf  dem  Gebiete  der
Pädagogik  vollzog.  Anstatt  im  Uhnterrichte  von  der  unmittelbaren
Anschauung  auszugehen,  folgte  man  dem  Gange  einer  Grammatik.