308  Taubstummen-  und  Blindenunterricht.

Die  Taubstummenlchrer  durchwanderten  mit  den  Schülern  erst
sämtliche  Wortarten,  suchten  zwar  sobald  wie  möglich  Sätze  bilden
zu  lassen,  gingen  aber  auch  bei  der  Satzbildung  nach  den  Regeln
der  Grammatik  vor.  Der  ganze  Plan  des  Sprachunterrichts  war  in
ein  starres  System  gefafst,  das  sowohl  dem  natürlichen  Sprachentwicklungsgange
  des  Kindes  überhaupt  als  auch  der  Kindesnatur  im
besondern  widerspricht.  Da  sie  zunächst  immer  das  Sprachgesetz  aufstellten
  und  zur  Befestigung  desselben  die  erforderlichen  Beispiele
anfügten,  zur  Erläuterung  des  Inhalts  jedoch  keine  geeigneten  Anschauungsmittel
  anwendeten,  solche  auch  nicht  besaßen,  so  nahmen
sie  bei  der  Begriffserklärung  ihre  Zuflucht  zur  Gebärdensprache.  Es
führte  das  ohne  weiteres  zur  Ausbildung  dieser  Sprache,  wie  man
sie  ın  den  französischen  Taubstummenanstalten  fand,  und  zur  Unterdrückung
  der  Lautsprache.  Intelligenz  und  Sprache  entwickeln  sich
aber  nicht  nach  den  Paragraphen  einer  Grammatik,  sondern  auf
Grund  der  das  Kind  umgebenden  Sinnenwelt  und  der  gewonnenen
Sprache  selbst.

Erst  nachdem  an  den  Schullehrerseminaren  eine  Reihe  von
Taubstummenanstalten  entstanden,  nachdem  innige  Beziehungen
zwischen  Taubstummenbildung  und  allgemeiner  Pädagogik  angeknüpft
waren,  durchwehte  cin  belebender  Hauch  den  toten  Mechanismus
des  damaligen  Taubstummenunterrichts.  In  den  Reihen  der  Taubstummenlehrer
  begann  nunmehr  ein  frisches  Streben,  das  vor  allem
dahin  ging,  die  Methode  des  Unterrichts  naturgemäßer  zu  gestalten
als  bisher;  von  nun  ab  ist  erst  die  Einwirkung  der  Pestalozzischen
Schule  in  der  Bildung  der  Taubstummen  zu  erkennen.  Als  weitere
segensreiche  Folgen  der  bezeichneten  Verbindung  ist  zu  nennen,  dais
die  Seminarlehrer,  die  die  Seminare  besuchenden  Pädagogen,  die  den
pädagogischen  Kursus  absolvierenden  Kandidaten  der  Theologie,  die
künftigen  Lehrer  zu  Aposteln  der  Taubstummen-Bildungssache  wurden,
und  daf3  sich  die  Seminar-Taubstummenanstalten  zu  Pflanzstätten  fur
Taubstummenlehrer  gestalteten.  Es  entstand  ein  edler  \Vettstreit
unter  den  deutschen  Taubstummenlchrern,  der  freilich  auch  manches
Unedle  geboren  hat,  in  dem  jedoch  die  pädagogische  Einsicht  und
die  praktische  Ansicht  den  Sieg  davon  trugen.  Man  kehrte  endlich
zu  den  Grundanschauungen  der  ersten  deutschen  Taubstummenlehrer
zurück,  die  dahin  ginren,  die  Lautsprache  nicht  als  etwas  Nebensächliches,
  als  ein  notwendiges  Übel  zu  betrachten,  sondern  zur
Grundlage  des  gesamten  Unterrichts  und  sie  —  cs  geschah  das
freilich  erst  nach  und  nach  —  zum  ausschließlichen  Unterrichts-  und