Das  Taubstummenbildungswesen  im  Deutschen  Reich.  309

Denkmittel  zu  machen;  nun  erst  war  der  geeignete  Boden  für  die
glückliche  Ausgestaltung  der  deutschen  Methode  gewonnen.

Der  hervorragendste  Vertreter  der  neuen  Richtung  war  Hill,
der  technische  Leiter  der  Seminar-Taubstummenanstalt  in  Weißenfels.
Beeinflußt  durch  die  Bestrebungen  Harnischs,  erkannte  sein  klarer
Blick  und  sein  weitausschauender  Geist  sehr  bald  die  Mängel  des
damals  üblichen  Taubstummenunterrichts;  mit  kühner  Hand  griff  er
in  den  künstlichen  Bau  des  alten  Verfahrens  und  stürzte  ihn,  den
man  fur  felsenfest  gehalten  hatte,  um  auf  den  Trümmern  des  alten
ein  neues  erstehen  zu  lassen.  Gar  schlicht  und  einfach  waren  die
Fundamentalsätze  seiner  Methode:  „Die  Lautsprache  ist  die  nötige
Grundform  der  ganzen  Sprachbildung  der  Taubstummen.“  Ä„Entwickle
  die  Sprache  in  dem  taubstummen  Kinde,  wie  sie  das  Leben
in  dem  vollsinnigen  Kinde  erzeugt!“  „Erwecke  in  den  Schülern  das
Sprachbedürfnis  überhaupt  und  das  Bedürfnis  nach  unserer  Sprache
ins  besondere!“  „Soll  dies  gelingen,  so  führe  deinem  Schüler  Sachen
vor  und  schließe  daran  unmittelbar  unsere  Sprache  an!“  „Wende
die  Lautsprache  stets  und  überall  an  und  fordere  die  Anwendung
auch  vom  Schüler  in  diesem  Grade!“

Neben  der  Gestaltung  einer  neuen,  das  I.autsprachprinzip  in  den
Vordergrund  stellenden,  sich  auf  die  unmittelbare  Anschauung
gründenden  Methode  hat  sich  Hill  noch  besondere  Verdienste  durch
Bearbeitung  vortrefflicher  Schulbücher  für  Taubstummenanstalten,
durch  die  Herstellung  inniger  Verbindung  des  Taubstummenunterrichts
mit  der  allgemeinen  Pädagogik,  durch  das  Zurückdrängen  der  Gebärde
  aus  dem  Unterricht,  durch  Ausbildung  von  Taubstummenlehrern
  und  durch  die  Belebung  des  Interesses  für  die  Taubstummenbildung
  in  weiteren  Kreisen  erworben.  Wie  er  als  Methodiker
Großes  geleistet  hat,  so  war  er  als  lehrer  der  Taubstummen  nicht
minder  bedeutungsvoll.  Den  Wert  der  von  ihm  gegebenen  methodischen
  Ratschläge  suchte  er  durch  die  Schulpraxis  zu  erweisen:  mit
seltenem  Geschick  und  unermüdlichem  Fleiße  arbeitete  er  an  den
ihm  anvertrauten  Zöglingen  und  die  Unterrichtserfolge  waren  trotz
der  Ärmlichkeit  und  Mangelhaftigkeit  der  äußeren  Organisation  der
von  ihm  geleiteten  Anstalt  so  glänzende,  daß  Weitsenfels  das  Mekka
der  Taubstummenlehrer  des  In-  und  Auslandes  wurde,  und  wenn  er
auch  nicht  ohne  Gegner  blieb,  so  erkannte  man  in  ihm  doch  den
Meister,  dessen  Vorbilde  man  nachzueifern  sich  bestrebte.  So  machte
sich  nach  und  nach,  besonders  in  den  deutschen  Taubstummenanstalten,
  ein  Umschwung  bemerkbar,  der  für  das  Taubstummen-Das

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