das  T’aubstummenbildungswesen  im  Deutschen  Reich.  381

Städten,  in  denen  Taubstumme  in  größerer  Zahl  vorhanden  sind,
Andachten  ab,  die  sich  eines  zahlreichen  Zuspruchs  erfreuen.  Eine
gleiche  Einrichtung  ist  in  der  Provinz  Hannover  getroffen.  Den
J.ehrern  wird  eine  entsprechende  Reisevergütung  gewährt.

Die  preußische  Regierung  ist  noch  einen  Schritt  weitergegangen
und  hat  an  verschiedenen  Taubstummenanstalten,  so  in  Berlin,  Königsberg
  i.  Pr.  und  Marienburg  i.  W.,  Kurse  für  evangelische  Geistliche
eingerichtet,  wodurch  diese  für  den  Verkehr  mit  Taubstummen  geschickt,
  im  besondern  auch  mit  der  Art  des  in  Taubstummenschulen
erteilten  Religionsunterrichts  bekannt  gemacht  werden  sollen,  um  den
in  ihrem  Amtsbezirk  lebenden  erwachsenen  Taubstummen  seelsorgerisch
  nahe  treten  zu  können.  Ähnliche  Anregungen  sind  auch
seitens  der  katholischen  kirchlichen  Behörden  gegeben  worden,  so
von  den  Bischöfen  von  Ermeland,  Kulm,  Osnabrück,  Hildesheim,
Paderborn  und  dem  Fürstbischof  von  Breslau.  Lehrkurse  für  katholische
  Geistliche  haben  an  den  Taubstummenanstalten  zu  Posen  und
Bensheim  in  Hessen  stattgefunden.  Diejenigen  Taubstummen,  die  in
einem  Änstaltsorte  leben,  nehmen  an  den  in  der  Anstalt  stattfindenden
  Gottesdiensten  teil.

Eine  berufliche  Ausbildung  findet  in  den  deutschen  Taubstummenanstalten
  nicht  statt,  wenn  in  diesen  auch  hie  und  da  Schuhmacherei,
  Schneiderei  oder  Tischlerei  unter  der  Leitung  eines  Handwerksmeisters
  getrieben  wird;  es  geschieht  dies  in  erster  Linie  aus
wirtschaftlichen  Gründen.  Die  Unterbringung  der  entlassenen  Zöglinge
  in  einer  Lehrstelle  ist  lediglich  Sache  der  Angehörigen;  die
Taubstummenlehrer  unterstützen  jedoch  die  Eltern  nach  dieser  Seite
nach  besten  Kräften  und  in  der  Regel  mit  Erfolg.  Die  Neigung  der
die  Anstalt  verlassenden  Schüler  geht  in  den  meisten  Fällen  dahin,
im  AÄAnstaltsorte  zu  verbleiben.  In  diesem  findet  sich  im  Laufe  der
Zeit  eine  Reihe  von  Handwerkern,  die  gerne  taubstumme  Lehrlinge
annehmen  und  in  deren  Ausbildung  eine  gewisse  Routine  erlangen.
Nicht  wenige  Taubstumme  gewinnen  in  ihrem  ehemaligen  Pflegevater
einen  Lehrmeister.  Wenn  die  Taubstummen  im  Anstaltsort  verbiciben,
  so  überwachen  und  leiten  sie  ihre  früheren  Lehrer  gernc.

Bei  der  Wahl  eines  Lebensberufes,  die  entscheidend  für  die
Existenz,  ja  für  das  ganze  l.ebensglück  der  Taubstummen  ist,  treten
die  Taubstummenlehrer  allezeit  ratend  und  helfend  ein.  Die  Knaben
erlernen  in  der  Regel  ein  einfaches,  stets  gangbares  Handwerk,  wie
Schneiderei,  Schuhmacherei,  Tischlerei,  Buchbinderei,  Handschuhmacherei.
  Einzelne  bringen  es  darin  soweit,  daß  sie  sich  ein  selb-