Das  Taubstummenbildungswesen  im  Deutschen  Reich.  383

stumme  Lehrlinge  Beihilfen  zur  Beschaffung  des  nötigen  Handwerksgeräts
  erhalten.

Wenn  auch  die  Taubstummenlchrer  nicht  die  Sorge  um  ihre
ehemaligen  Zöglinge  zu  haben  brauchen  wie  die  Blindenlehrer,  die
bei  ihreın  Streben,  die  früheren  Schüler  wirtschaftlich  selbständig  zu
machen,  auf  fast  unüberwindliche  Schwierigkeiten  stofen,  wenn  auch
die  Taubstummen  im  allgemeinen  gute  und  daher  gerne  angenommene
Arbeiter  werden,  die  ihr  Brot  ehrlich  und  redlich  verdienen,  so
bleiben  sie  doch  meistens  bei  bescheidenem  Verdienst  in  untergeordneten
  Stellungen,  und  es  wird  ihnen  nicht  leicht,  für  die  Tage
der  Not  und  die  Zeit  des  Alters  zu  sparen.  Die  ungebildeten  und
die  geistig  minderwertigen  finden  oft  schwer  Arbeit,  und  so  bleibt  es
vielfach  nicht  aus,  daß  ihre  Kräfte  im  Kampfe  ums  Dasein  vorzeitig
erlahmen,  und  daß  sie  in  bittere  Not  geraten.  Um  den  arbeitsunfähigen
  und  vom  Alter  gedrückten  Taubstummen  zu  helfen,  sind
Asyle  für  sie  gegründet  worden,  deren  Zahl  allerdings  bis  jetzt  eine
geringe  ist.  Freilich  erfordert  die  Einrichtung  und  Unterhaltung
solcher  Anstalten  sehr  erhebliche  Mittel;  guter  Wille  und  zähe  Ausdauer
  haben  jedoch  in  dieser  Richtung  schon  manches  erreicht.  Das
hat  der  nunmehr  verstorbene  Geistliche  Rat  Wagner  erwiesen,  dem
die  Asyle  für  Taubstumme  in  Dillingen  (Schwaben),  Zell  (Mittelfranken),
  Hohenwart  (Oberbayern)  und  Michelfeld  (Oberpfalz)  mit  zusammen
  400  Pfleglingen  zu  verdanken  sind.  Das  hat  der  Vorsteher
J.  Ziegler  gezeigt,  der  Schöpfer  der  Anstalten  zu  Wilhelmsdorf  in
Württemberg  mit  über  40  Pfleglingen.  Es  bestehen  ferner  Heime  zu
(lött  in  Bayern,  zu  Gmünd  in  Württemberg,  zu  Winnenden  ebenda.
Das  Frauenasyl  in  Dresden  ist  an  die  Taubstummenanstalt  daselbst
angegliedert  und  erhält  staatliche  Unterstützung.  In  Berlin  arbeitet
man  schon  seit  Jahren  an  der  Gründung  eines  Taubstummenheims;
über  einen  bescheidenen  Anfang  ist  man  jedoch  nicht  hinausgekommen.
In  verschiedenen  preußischen  Provinzen  sind  Provinzialvereine  eingerichtet
  worden,  die  den  Zweck  verfolgen,  arme  und  arbeitsunfähige
Taubstumme  zu  unterstützen  und  nach  Gewinnung  der  erforderlichen
Mittel  Asyle  einzurichten,  so  in  Schleswig-Holstein,  Westfalen,  Hannover
  und  Sachsen.  Besonders  dem  Verein  in  der  zuerst  genannten
Provinz  ist  es  infolge  seiner  vorzüglichen  Organisation  gelungen,  in
verhältnismäßig  kurzer  Zeit  sehr  erhebliche  Mittel  zu  sammeln,  und
so  konnten  denn  auch  schon  die  ersten  Taubstummen  in  dem  dortigen
Heim  untergebracht  werden.  Ähnliche  günstige  Erfolge  sind  von  dem
pomnicerschen  Provinzialverein  zu  verzeichnen.