ZWEITER  ABSCHNITT.

Das  Blindenunterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.

1.  Anfänge  des  Blindenunterrichts.  Der  erste  —  wenn
auch  nicht  berufsmäßige  —  Blindenlehrer,  von  dem  wir  überhaupt
nähere  Kunde  haben  und  dessen  Tätigkeit  von  nachhaltiger  Wirkung
gewesen,  war  ein  fast  vergessener  Deutscher  —  Christian  Niesen,
Privatgelehrter  in  Mannheim,  später  fürstbischöflicher  Speyerscher
Kammerrat  (  1784).  Er  gab  zwei  Schriften  heraus  „Rechenkunst  für
Sehende  und  Blinde“  (Mannheim,  1773)  und  „Algebra  für  Sehende
und  Blinde“  (Mannheim,  1777).  Außerdem  erfand  er  verschiedene
wertvolle  Lehrmittel  für  Blinde.  Ein  ausgezeichneter  Schüler  von
ihm  war  R.  Weißenbourg,  der  in  der  Kindheit  infolge  der  Blattern
erblindet  war  und  es  dahin  brachte,  daß  er  selbst  Blinde  und  sogar
einen  Taubstummen  unterrichten  konnte.  Er  trat  in  Verbindung
mit  einer  sehr  gebildeten,  musikalischen,  blinden  Dame,  Fräulein  von
Paradis  in  Wien,  die  auch  eine  von  dem  Bergrat  von  Kempelen  für  sie
erfundene  Druckvorrichtung  zum  Briefschreiben  benutzte.  Diese  Dame
lernte  1784  in  Paris  Valentin  Hauy  kennen,  wie  er  in  seinem  „Essai  sur
l’education  des  aveugles‘‘  selbst  anführt,  und  dadurch  wurden  ihm
auch  die  Nießenschen  Lehrmittel  bekannt,  die  nun  auch  in  der  von  ihm
mit  Unterstützung  der  „Societe  philanthropique“  1785  gegründeten
ersten  Blindenunterrichtsanstalt  der  Welt  Verwendung  fanden.  In
Deutschland  wurde  die  ersteBlindenunterrichtsanstalt  in  Berlin  mit  Staatsmitteln
  durch  Kabinettsorder  vom  11.  August  1806  gegründet,  nachdem
Hauy  Gelegenheit  gehabt  hatte,  vor  dem  König  Friedrich  Wilhelm  III.
mehrere  Unterrichtsproben  abzulegen  und  seine  Methode  darzulegen.
Erster  Leiter  der  Anstalt  war  A.  Zeune,  Lehrer  am  Gymnasium  zum
grauen  Kloster,  der  sich  bereits  seit  1803  mit  einem  dahingehenden