Das  Blindenunterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  395

Dasein  tatkräftigen,  begeisterten  Blindenfreunden  oder  Vereinen,
etliche,  wie  z.  B.  Breslau,  Halle,  Stettin,  sogar  einzelnen  Blinden,  die
in  den  ältesten  Anstalten  ausgebildet  waren  (Knie,  Krause,  Gröpler).
Nur  zwei  —  Steglitz  -  Berlin  und  Neukloster  —  sind  ihrem  Ursprunge
nach  Staatsanstalten.  Jemehr  indes  die  Kunde  von  den  Bildungserfolgen
  und  damit  die  Überzeugung  von  der  Bildungsfähigkeit  der
Blinden  sich  verbreitete,  desto  mehr  zeigten  sich  auch  die  Behörden
bereit  und  verpflichtet,  die  Blindenanstalten  zu  stützen  und  zu  stärken.
So  gingen  viele  derselben  allmählich  in  Staats-,  Provinzial-  oder  Gemeindeverwaltung
  über  oder  erhielten  von  solchen  Seiten  wenigstens
feste  Zuschüsse.  Das  hatte  eine  Verbesserung  ihrer  Einrichtungen
und  die  Erweiterung  ihres  Umfanges  und  ihrer  Ziele  und  die  Errichtung
  von  Neubauten  zur  erfreulichen  Folge.  So  stieg  die  Zahl
der  Zöglinge  in  den  preußischen  Blindenanstalten  nach  den  vorhandenen
  Unterlagen  ungefähr  wie  folgt:

1878  waren  vorhanden  744  Zöglinge,  1880  —  803  Zöglinge,
1883  —  962  Zöglinge,  1885  —  1019  Zöglinge,  1893  —  1340  Zöglinge.

Die  Angliederung  von  Blindenanstalten  an  Taubstummenanstalten
fand  nur  an  wenigen  außerpreußischen  Orten  statt,  wie  in  Weimar,
Schwäbisch  Gmünd,  Heiligenbronn,  und  erfolgte  lediglich  aus  wirtschaftlichen
  Gründen;  doch  wird  ihr  im  übrigen  von  keinem  Fachmann  das
Wort  geredet.  Dagegen  sind  in  deutschen  Blindenanstalten  Taubstummenblinde
  verschiedentlich  mit  bestem  Erfolge  unterrichtet  worden,
z.  B.  in  Frankfurt  a.  M.,  Illzach,  Königswartha  b.  Dresden,  Halle,
Hamburg;  und  in  Steglitz  hat  man  einen  schwerhörigen  blinden
Stammler,  dem  zwölf  Laute  fehlten,  zum  vollen  Gebrauch  der
Sprache  geführt.

Besondere  Erwähnung  verdient  noch  die  neueste  Gründung,  das
unter  dem  Protektorat  des  Deutschen  Kaisers  stehende  Blindenheim
  in  Königswusterhausen,  unweit  Berlins,  errichtet  aus  den
Mitteln  der  dem  Kaiser  zur  Verfügung  gestellten  „Schmidschen
Stiftung  für  arme  Blinde“  (500000  M.)  des  Hamburger  Kaufmanns
Hermann  Schmid.  Die  umfangreiche  waldige  Baustelle  gab  der  hochgesinnte
  Monarch  von  seinem  Jagdgebiete  als  Geschenk  her  und
prüfte  und  änderte  persönlich  die  auf  seinen  Befehl  ausgearbeiteten
Baupläne  der  im  Pavillonstil  aufgeführten  Heimstätte  für  hundert  erwerbsfähige
  (£0  M.  und  50  W.)  Blinde.  Zu  keiner  Blindenerziehungsanstalt
  in  näherer  Beziehung  stehend,  öffnet  dies  Heim  seine  Pforten
namentlich  denjenigen  deutschen  Blinden,  die  solche  Stätte  zur  Verwertung
  ihrer  Erwerbskraft  brauchen  und  suchen,  sie  aber  in  ihrem