396  Taubstummen-  und  Blindenunterricht.

engeren  Vaterlande  noch  nicht  finden.  Die  zur  Unterhaltung  der
Anstalt  etwa  erforderlichen  Zuschüsse  fließen  größtenteils  aus  dem
Kaiserlichen  Dispositionsfonds..  So  sorgt  der  Deutsche  Kaiser,  der
außerdem  noch  Protektor  des  1860  gegründeten  Moonschen  Blindenvereins
  zu  Berlin,  des  ältesten  Unterstützungsvereins  für  Blinde,  ist,
für  die  des  Augenlichts  beraubten  Reichsgenossen,  und  zwar  in  Gemeinschaft
  mit  seiner  erlauchten  Gemahlin,  die  ihre  landesmütterliche
Teilnahme  für  die  Blinden  auch  durch  wiederholte  Besuche  der
Blindenanstalten  in  Kiel,  Wiesbaden,  Steglitz,  Berlin  und  zuletzt  noch  in
Halle  bekundet  hat.

6.  Beziehungen  zum  Auslande,  besonders  zu  Amerika.
Gegen  das  Ausland  hat  sich  Deutschland  und  vor  allem  Preußen
auch  auf  dem  Gebiet  des  Blindenwesens  niemals  abgeschlossen  und
befruchtende  Keime  nach  den  verschiedensten  Seiten  abgegeben.
Schon  1820  unternahm  Zeune  im  staatlichen  Auftrage  eine  Studienreise
  nach  Holland,  Frankreich  und  England.  Doktor  Howe,  der
hochverdiente  Begründer  des  amerikanischen  Blindenwesens  und  erste
Vorsteher  der  Anstalt  in  Boston,  besuchte  1832  auch  Zeune  in  Berlin,
um  nach  seiner  Rückkehr  noch  im  August  1832  die  Blindenanstalt
in  Boston  als  die  älteste  Amerikas  zu  eröffnen,  und  blieb  mit  Zeune
dauernd  in  brieflichem  Verkehr.

In  demselben  Jahre  siedelte  Julius  Friedländer,  nachdem  er
drei  Jahre  Lehrer  an  der  Badensischen  Blindenanstalt  zu  Bruchsal-Ilvesheim
  gewesen  war,  nach  Philadelphia  über,  verfaßte  und  verbreitete
  dort  eine  zündende  Denkschrift  über  Blindenbildung  und
gründete  infolgedesssen  bereits  1833  in  Philadelphia  eine  Blindenanstalt,
  der  er  sechs  Jahre  lang  bis  zu  seinem  Tode  vorstand.

7.  Innere  Entwicklung  der  Blindenanstalten.  Dem
äußeren  Wachstum  des  Blindenwesens  entsprach  im  allgemeinen
auch  seine  innere  Entwicklung,  wenngleich  es  dabei  trotz  ernsten
Ringens  ohne  Enttäuschungen,  Fehlgriffe  und  Stockungen  nicht
abging.  Zeune  war  sich  über  die  Aufgabe  der  Blindenbildung  von
Anfang  an  völlig  klar.  „Der  Zweck  des  Blindenunterrichts“
—  so  schreibt  er  bereits  1815  —  ‚kann  kein  anderer  sein  als  der
bei  Sehenden;  gleichmäßige  Entwicklung  aller  geistigen  und  leiblichen
  Anlagen;  nur  die  Mittel  werden  verschieden  sein,  da  hier  eine
der  Pforten  von  der  Außenwelt  zum  Innern  verschlossen  ist.“  Dies
schärfer  begrenzend,  erklärt  er  1821:  „Da  der  Zweck  einer  Blindenerziehanstalt
  ist,  den  Blinden  nicht  nur  die  allgemeine  :  menschliche
Bildung,  sondern  auch  solche  Fertigkeiten  zu  verschaffen,  wodurch