Das  Blindenunterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  397

sie  beim  Austritte  aus  der  Anstalt  sich  ihren  Erwerb  einigermaßen
sichern  können,  so  ist  hiernach  der  Unterricht  ein  dreifacher,  erstens
Handarbeiten,  zweitens  Tonkunst,  drittens  Wissenschaft.“

Das  nahm  man  in  Nord  und  Süd  wohl  als  Losung  an.  Die
eigentliche  Schwierigkeit  lag  aber  darin,  diese  drei  Forderungen  in
das  rechte  Verhältnis  zueinander  und  zum  Leben  der  Blinden  zu
bringen.  Anfangs  legten  die  meisten  Blindenanstalten  das  Hauptgewicht
  auf  die  Pflege  der  Wissenschaften,  d.h.  auf  die  Aneignung
der  allgemeinen  Schulkenntnisse.  Oben  an  stand  der  Schreibunterricht
  mit  Hilfe  von  Tafeln,  die  an  die  Niesensche  Vorrichtung
erinnern.  Geübt  wurde  die  Schreibschrift  der  Sehenden  für  den
Verkehr  mit  diesen.  Der  Erfolg  war  nur  mäßig,  aber  doch  geeignet,
das  Interesse  des  Publikums  auf  die  Blindenbildung  hinzulenken.
Bald  finden  wir  auch  die  Kleinsche  oder  Kniesche  Stachelschrift  oder
Stechschrift  —  erhabene  lateinische  Großbuchstaben,  deren  Herstellung
  mittels  Stacheltypen  mehr  ein  Drucken  war,  die  aber  —  und
das  war  ihr  Vorzug  —  leicht  zu  schreiben  und  auch  von  den  Blinden
zu  lesen  war.  Die  Kursivschrift  erhielt  sich  jedoch  nur  für  Späterblindete,
  und  die  Stachelschrift  trat  nach  und  nach  zurück  gegen
die  von  Hebold  (Lehrer  an  der  Königlichen  Blindenanstalt  Berlin)
1856  erfundene,  in  einem  besonderen  Lineal  zu  schreibende  Flachschrift,
  die  auch  nur  lateinische  Großbuchstaben  zeigt.

Das  Lesen  hatte  anfangs  eine  untergeordnete  Bedeutung  und
diente  mehr  „als  Übergang  zum  Schreiben“,  wurde  auch  geradezu
als  Spielerei  bezeichnet,  da  es  noch  Jahrzehnte  an  den  so  teuren
Büchern  in  Linienhochdruck  fehlte.  Denn  Haüy,  der  Erfinder  desselben,
  ließ  in  25  Jahren  nicht  mehr  als  drei  solcher  Bücher  drucken.
Jedoch  allmählich  änderte  sich  das  Bild.  In  den  vierziger  Jahren
betont  Zeune:  „Das  Lesen  ist  auch  für  Blinde  von  großem  Nutzen,
weil  sie  nun  auch  außer  den  Lehrstunden  sich  beschäftigen  können.
Vorzüglich  haben  die  gedruckten  Bücher  dem  Blindenunterricht  einen
neuen  Schwung  gegeben.“  Gleichzeitig  berichtet  er  unter  Aufzählung
  der  den  verschiedensten  Wissensgebieten  angehörenden
Bücher  von  den  Blindendruckereien,  die  in  Berlin,  Breslau,  Braunschweig,
  Zürich  und  Basel  bestehen.  —  Etwa  20  Jahre  später  (1863)
gab  die  Stuttgarter  Bibelanstalt  die  ganze  heilige  Schrift  in  Linienhochdruck
  in  64  Bänden  heraus  zum  Preise  von  100  M.  (2/3  der
Selbstkosten).  Diese  Arbeit  geschah  auf  begeistertes  Betreiben  des
1857  völlig  erblindeten  Gründers  der  Blindenanstalt  zu  Illzach,  wo
auch  die  erste  Drucklegung  stattfand.  Erst  zwei  Jahre  nachher  schuf