398  Taubstummen-  und  Blindenunterricht.

Rösner  —  damals  Lehrer,  von  1872  ab  Direktor  der  Berlin-Steglitzer
Blindenanstalt  —  das  erste  Lesebuch  für  Blinde  in  Linienhochdruck.
Noch  aber  gelangten  die  deutschen  Blinden  nicht  in  den  Besitz  des
wertvollsten  Bildungsmittels,  der  Brailleschen  Punktschrift,  einer  aus
dem  Jahre  1829  stammenden  Erfindung  ihres  Schicksalsgenossen
Louis  Braille  (1809—1852),  die  auch  in  der  Pariser  Anstalt,  deren
Zögling  und  Lehrer  er  war,  erst  nach  1850  zur  Einführung  kam.  In
Deutschland  hatte  die  Linienschrift  noch  1870  die  Alleinherrschaft.

Um  den  erdkundlichen  Unterricht  erwarb  sich  Zeune,  der
nebenamtlich  als  Professor  der  Erdkunde  an  der  Berliner  Universität
tätig  war,  ein  besonderes  Verdienst  durch  die  Erfindung  der  Reliefgloben
  und  großer  Reliefkarten  aus  Pappe,  wenn  auch  nur  die  Herstellung
  von  druckmäßig  vervielfältigten  erhabenen  Papierkarten,  deren
erste,  eine  Flußkarte  von  Deutschland,  der  Buchdrucker  Adolf
Schulze  in  Berlin  lieferte,  einen  vollkommenen  Klassenunterricht
ermöglicht.

Der  Unterricht  in  der  Geometrie  wurde  wesentlich  gefördert
durch  die  von  Hebold  erfundene  Zeichenscheibe,  die  den  Blinden  in
den  Stand  setzt,  die  meisten  Figuren  mit  einer  Schnur  schnell  und
sicher  zu  zeichnen  —  ein  ausgezeichnetes  Lehrmittel,  das  noch  gegenwärtig
  im  In-  und  Auslande  vielfach  benutzt  wird.  —

Ebensowenig  fehlte  es  für  den  Rechenunterricht  an  Hilfsmitteln,
  wie  z.  B.  die  Zeuneschen  Würfel  und  seine  Russische  Rechenmaschine,
  dann  neben  der  Niesenschen  die  Lachmannsche  Tafel  für
das  schriftliche  Rechnen,  das  jedoch  hinter  das  Kopfrechnen  naturgemäß
  zurücktrat.

Auch  für  die  Naturgeschichte  finden  wir  zweckmäßige  Veranschaulichungsmittel:
  ausgestopfte  Tiere  oder  Modelle,  soweit  die
Naturkörper  nicht  selbst  zur  Hand  waren.  Kurz,  auf  allen  Gebieten
und  in  allen  Gauen  wird  treu  gearbeitet  und  die  Vermehrung  und
Verbesserung  der  Lehrmittel  erstrebt.  Aber  dazu  gehörte  sehr
vicl  Zeit  und  Geld.  Beides  fehlte  den  meisten  deutschen  Blindenanstalten.


8.  Entwicklungshemmungen  und  Rückschläge  Die
Ausbildungszeit  war  zu  kurz;  sie  dauerte  vielfach  kaum  fünf  Jahre.
Die  Aufnahme  der  Kinder  erfolgte  in  trügerischer  Hoffnung  auf  ihre
Vorbildung  in  der  Volksschule  oder  bei  der  Beschränktheit  der  Mittel
viel  zu  spät,  an  manchen  Stellen  erst  mit  dem  zwölften  Lebensjahre,
in  welchem  Alter  die  Früherblindeten  schon  einen  Teil  ihrer  Bildungsfähigkeit
  eingebüßt  hatten.  Der  Unterrichtsstoff  konnte  nicht  gründ-