Das  Blindenunterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  399

lich  durchgearbeitet  werden;  auch  mangelte  es  noch  immer  an  Lesestoff
  und  Hilfsbüchern.  So  ging  das  Erlernte  bald  wieder  verloren,
und  noch  im  dritten  Viertel  des  Jahrhunderts  wurden  Stimmen  laut,
die  achselzuckend  fragten:  Was  nützt  der  ganze  Schulunterricht  der
Blinden,  namentlich  das  Lesen  und  Schreiben?

Außerdem  ließ  man  sich  unbeachtet  der  beschränkten  Bildungszeit
  verleiten,  die  Musik  als  Erwerbsfach  in  den  Vordergrund
zu  stellen.  Und  was  erreichte  man  damit?  Die  Begabtesten  machten,
soweit  sie  nicht  als  ÖOrganisten  ausgebildet  und  angestellt  wurden,
Kunstreisen,  ernteten  in  Konzerten  gute  Einnahmen  und  reichen  Beifall
  und  endeten  —  im  Armenhause.  Die  Minderbegabten  wurden
Bettelmusikanten.  Angesichts  solcher  Mißerfolge  ist  es  zu  verstehen,
daß  manche  Blindenlehrer  die  Musik  völlig  aus  den  Blindenanstalten
verbannen  und  so  das  Kind  mit  dem  Bade  ausschütten  wollten.

Die  Pflege  der  männlichen  und  weiblichen  Handarbeiten  tritt
uns  in  jeder  deutschen  Blindenanstalt  von  Anfang  an  entgegen.
Schon  in  der  ersten  Periode  wurde  betrieben:  Stuhl-  und  Mattenflechten,
  Korbarbeiten,  Spinnen,  Nähen,  Stricken,  ja  selbst  Tischlerarbeiten
  und  vereinzelt  schon  um  1830  das  Bürstenbinden.  Aber
man  widmete  diesen  Dingen  zu  wenig  Zeit,  sodaß  es  zu  keiner  allseitigen
  Durchbildung  und  völligen  Fertigkeit  kam.  Daher  konnten
die  Handarbeiten  vielfach  nur  als  Beschäftigungsmittel,  nicht  aber  als
Erwerbsquelle  dienen.  Das  zeigte  sich,  sobald  die  Zöglinge  in  das
Leben  hinaustraten  und  sich  selbst  überlassen  waren.  Es  fehlte  ihnen
meistens  an  Arbeitsaufträgen;  die  gefertigten  Waren  konnten  sie  nicht
an  den  Mann  bringen.  Dadurch  wurde  ihre  Arbeitsfähigkeit  und
Arbeitslust  immer  geringer,  bis  sie  endlich  auf  der  Bettelstraße  anlangten.


Diese  traurigen  Erfahrungen  führten  an  einigen  Orten  zur  Anleseung
  von  Versorgungshäusern  für  die  ausgebildeten  Blinden.
Man  hielt  sie  aber  dort  unter  zu  großer  Bevormundung  und  Einengung,
  machte  ihnen  das  Leben  zu  bequem,  forderte  ihre  Kraft
nicht  heraus,  weckte  ihr  Pflichtbewußtsein  nicht  und  kam  daher  vom
Regen  in  die  Traufe.  Es  blieb  weiter  nichts  übrig,  als  diese  Versorgungshäuser,
  die  sich  als  Brutstätten  der  Unzufriedenheit  und  Unglücksstätten
  arbeitsfähiger  Blinder  erwiesen  hatten,  wieder  aufzulösen.
Statt  dessen  fing  man  an,  besondere  Unterstützungsfonds  für  die  Entlassenen
  zu  gründen  und  auf  weitere  Fürsorge-Maßnahmen  nach  dem
Vorgange  Dresdens  zu  sinnen.

Alles  in  allem  genommen,  litten  die  deutschen  Anstalten  bei  dem