400  Taubstummen-  und  Blindenunterricht.

Betrieb  des  Schulunterrichts,  der  gewerblichen  Ausbildung  und  der
Fürsorge  für  die  Entlassenen  unter  ihrer  Vereinzelung  noch  bis  in
das  siebente  Jahrzehnt  des  vorigen  Jahrhunderts.  Sie  hatten  zu
wenig  Kenntnis  von  einander,  zu  wenig  Fühlung  mit  einander.  Das
lag  an  der  großen  Entfernung,  den  ungünstigen  Verkehrsverhältnissen
und  nicht  zum  mindesten  an  der  politischen  Zerrissenheit  Deutschlands
  —  ein  Mangel,  der  durch  Erscheinen  der  Zeitschrift  „Organ
für  Taubstummen-  und  Blinden-Anstalten‘“  von  1855  ab  wohl  gemildert,
  aber  nicht  gehoben  wurde.

9.  Aufschwung  des  Blindenwesens  seit  1871.  Erst  mit
dem  Wiedererstehen  des  Deutschen  Reiches  und  der  Tagung  des
ersten  europäischen  Blindenlehrer-  Kongresses  in  Wien  1873,  zu
dessen  100  Mitgliedern  allein  24  Fachleute  aus  Deutschland  zählten,  brach
für  die  deutschen  Blindenanstalten  eine  neue  Zeit  des  Fortschritts,  der
Klärung  und  Bewährung  an.  Auf  jenem  Kongreß  erschienen  auch
5  hochgeschätzte  Fachmänner  aus  Amerika,  nämlich  die  Direktoren
Howe  -Boston,  Morrison  -  Baltimore,  Wait-New-York,  Belettro-Rio
  de  Janeiro  und  der  Musiklehrer  Willhartitz  vom  Blindeninstitute
  in  St.  Louis,  der  als  Delegierter  des  amerikanischen  Kontinents
  kam  und  sogar  den  ersten  sehr  lehrreichen  Vortrag  hielt  über
Die  Blinden  Amerikas  und  deren  Erziehung.

Wie  die  erste  Anregung  zu  einem  solchen  Kongresse  aus
Deutschland  stammte  (Wiesbaden  1864),  so  fanden  die  nun  regelmäßig
  in  dreijährigen  Zwischenräumen  folgenden  Blindenlehrer-Kongresse
  meistens  auf  deutschem  Boden  und  unter  deutscher
Führung  statt.  Es  sind  bis  jetzt  10  derartige  Kongresse  abgehalten
worden:  1873  in  Wien,  1876  Dresden,  1879  Berlin,  1882  Frankfurt
  a.  M.,  1885  Amsterdam,  1888  Cöln,  1891  Kiel,  1895  München,
1898  Steglitz-  Berlin  und  191  in  Breslau.  Der  elfte  Kongreß  wird
im  August  1904  in  Halle  a.  S.  tagen.

Unter  treuer  und  wachsender  Teilnahme  der  Fachgenossen  und
Blindenfreunde,  wie  der  Vertreter  von  Staats-,  Kirchen-  und  Gemeinde-Behörden
  haben  diese  Versammlungen  durch  ihre  Beratungen,  Beschlüsse
  und  Lehrmittelausstellungen,  wie  durch  die  Anknüpfung  und
Pflege  persönlicher  Beziehungen  und  schriftlichen  Verkehrs  nach  allen
Seiten  Licht,  I.eben  und  Liebe  verbreitet  zum  Heil  der  teuren  Blindensache.


Gleich  auf  dem  Wiener  Kongresse  wurde  von  sachkundiger
Hand  der  Finger  auf  die  wundesten  Stellen  gelegt:  Ausdehnung  der
Bildungszeit  durch  Gründung  von  Vorschulen,  Einführung  der  Biraille-