402  Taubstummen-  und  Blindenunterricht.

nach  Erlernung  der  Punktschrift  die  Schätze  der  deutschen  Unterhaltungsliteratur
  handschriftlich  aus  dem  Schwarzdruck  in  die  Blindenschrift
  übertragen  und  den  Anstalten  zur  Lektüre  für  die  Zöglinge
zum  Geschenk  machen.  Die  Steglitzer  Anstalt  weist  zur  Zeit  allein
3000  solcher  Bände  auf.

Ferner  bemerken  wir  eine  bedeutende  Vermehrung  und  Vervollkommnung
  der  Anschauungs-  und  Veranschaulichungsmittel
bis  zu  den  fein  ausgearbeiteten  Kunzeschen  Reliefbildern  als  letztem
Notbehelf,  wo  das  Modell  fehlt  oder  versagt.

Neue  Unterrichtsfächer  zur  Förderung  der  Handgeschicklichkeit,
  der  Auffassungs-  und  Gestaltungskraft  erscheinen,  wie  dic
Fröbelarbeiten,  das  Modellieren  in  Ton  und  Wachs,  das  Zeichnen,
Holz-  und  Papparbeiten.

Einige  Anstalten  richten  besondere  Hilfsklassen  für  zurückgebliebene
  und  schwachsinnige  Zöglinge  ein.  Vorschulen  werden
gegründet  für  blinde  Kinder  im  Alter  von  5  bis  9  Jahren.  Die
Zöglinge  der  Arbeiterabteilung,  die  Lehrlinge,  erhalten  einen  Fortbildungsunterricht
  mit  Berücksichtigung  der  späteren  Lebensverhältnisse;
  und  auch  erwachsenen  Blinden,  die  erst  im  Mannes-  und
Frauenalter  ihr  Augenlicht  verloren  haben,  wird  mehr  und  mehr  der
Eintritt  in  die  Anstalten  ermöglicht.

Der  Ausrüstung  zum  Kampf  ums  Dasein  durch  gründliche  Erlernung
  eines  Handwerks  wird  die  ernsteste  Sorge  zugewandt.  Dazu
dient  auch  die  Bemühung  um  Arbeitsaufträge  und  Absatz  der  Blindenarbeiten
  in  der  Nähe  und  Ferne  und  weiter  die  Sammlung  von
Mitteln  und  Aufsuchung  von  Wegen  zur  Sicherung  und  Begünstigung
der  Berufsarbeit  aller  ausgebildeten  Zöglinge.  Insbesondere  werden
eigene  Fonds  zur  Fürsorge  für  die  Entlassenen  gegründet,  wie  zuerst
in  Dresden,  oder  es  bilden  sich  besondere  Vereine  für  diesen  Zweck,
wie  in  Kiel  für  Schleswig-Holstein,  in  Düren  für  Rheinland,  in  Steglitz-Berlin
  für  Brandenburg.  Diese  erbauen  Arbeitsheime,  das  erste  für
Mädchen  1884  in  Kiel,  das  erste  für  Männer  1892  in  Steglitz,  und  Altenheime,
  wie  in  Sachsen,  Kiel,  Düren,  Hamburg,  für  die  Arbeitsunfähigen.
Überall  aber  sehen  wir  eine  Anzahl  blinder  Handwerker  hinausgehen
ins  feindliche  Leben  und  hören,  wie  sie  sich  auch  dort  unter  dem
Schutze  einer  weisen  Fürsorge  behaupten  und  bewähren.  So  ist
auch  das  deutsche  Blindenwesen  durch  Nacht  zum  Licht  gelangt.
und  dieses  Licht  ist  nicht  zum  wenigsten  der  gemeinsamen  Arbeit

und  nachhaltigen  Wirkung  der  Kongresse  zu  verdanken.

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