Das  Blindenunterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  415

Rauschen  und  Brausen  des  Meeres  hören  können.  In  den  Gärten
finden  wir  auch  Spielplätze  mit  Schaukeln  und  Kletterstangen,  mit
Sandhaufen  zur  Ergötzung  der  Kleinen  und  Kegelbahnen  zur  Unterhaltung
  für  die  Großen.

20.  Bauliche  Verhältnisse.  In  baulicher  Hinsicht  treten
uns  große  Verschiedenheiten  entgegen.  Manche  Anstalten  vergegenwärtigen
  dem  Kundigen  in  ihren  Um-  und  Erweiterungsbauten
ein  Stück  Geschichte  der  Blindenbildung.  In  den  neueren  Anstalten
wird  großes  Gewicht  auf  helle,  luftige  Zimmer  und  Flure  gelegt.
Die  geräumigen  Werkstätten  nehmen  den  Hauptteil  des  Erdgeschosses
  ein  oder  bilden  eigene  Gebäude.  Die  Klassenzimmer
liegen  meistens  zur  ebenen  Erde,  nie  aber  mehr  als  eine  Treppe
hoch.  Die  Wohnhäuser  haben  nirgend  mehr  als  zwei  Stockwerke,
schon  im  Hinblick  auf  die  Feuersgefahr,  die  für  Blinde  doppelt  verhängnisvoll
  werden  kann.  Deshalb  sind  weiter  in  manchen  Anstalten
umfassende  Rettungs-  und  Löschvorrichtungen  getroffen.  So  lassen
sich  z.  B.  in  Dresden  zur  Eindämmung  einer  Feuersbrunst  die  Flure
durch  eiserne  Rollwände  absperren,  und  das  Hauptgebäude  läuft  an
beiden  Enden  in  einen  massiven  Turm  aus,  nach  welchem  von  jeden
Stockwerke  Nottüren  führen,  die  für  die  Schlafsäle  einen  zweiten
Ausgang  bieten.  Um  die  Zöglinge  mit  dieser  Einrichtung  vertraut
zu  machen,  findet  allmonatlich  ein  sogenannter  Feuergang  statt,  bei
dem  sie  die  Turmtreppen  hinuntersteigen  müssen.

Viele  Anstalten  verfügen  auch  über  eine  Turnhalle.  In  Steglitz
schließen  sich  an  diese  nach  beiden  Seiten  überdachte  Wandelbahnen,
  um  den  Zöglingen  auch  bei  Regenwetter  den  Aufenthalt  im
Freien  zu  ermöglichen.  Überall  aber  treffen  wir  Einrichtungen  für
Wannen-  und  Brausebäder,  wodurch  jedoch  die  Benutzung  öffentlicher
  Badeanstalten  an  Flüssen  und  Seen  nicht  ausgeschlossen
werden  soll.  Als  mustergültig  in  baulicher  Hinsicht  muß  die  neue
große  Anstalt  in  Halle  bezeichnet  werden.

Die  an  demselben  Ort  unter  einer  Leitung  bestehenden  Anstalten
  liegen  in  der  Regel  unmittelbar  nebeneinander,  wie  in  Steglitz,
in  einzelnen  Fällen,  z.  B.  in  Hamburg,  einige  Kilometer  voneinander
entfernt.

Am  reichsten  gegliedert  und  am  weitesten  zerstreut  erscheinen
die  einheitlich  geleiteten  sächsischen  Blindenanstalten.  Das  Königreich
  Sachsen  besitzt  außer  der  Dresdener  Hauptanstalt  eine  vorzüglich
  eingerichtete  Vorschule  in  Moritzburg  bei  Dresden  (gegründet
1862  als  die  erste  Blindenvorschule  auf  der  ganzen  Welt),  ferner