Das  Blindenunterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  495

von  links  nach  rechts  gelesen  wird,  so  geschieht  das  Schreiben  der  vertieften
  Punkte  von  rechts  nach  links;  der  Schreiber  stellt  also  das
Spiegelbild  der  Buchstaben  dar.

In  einzelnen  Fällen  wird  auch  die  von  dem  Blindenlehrer  Picht
in  Steglitz  kürzlich  erfundene  äußerst  preiswerte  Schnellschreibmaschine
  für  Punktschrift  (50  M.)  angewandt,  bei  deren  Gebrauch
man  höchstens  den  dritten  Teil  der  Zeit  aufzuwenden  hat  und  gleichzeitig
  zwei  Exemplare  des  betreffenden  Schriftstückes  herstellen  kann.

Neben  der  buchstäblichen  Brailleschen  Punktschrift  wird  in
mehreren  deutschen  Anstalten  noch  die  aus  derselben  abgeleitcte
deutsche  Kurzschrift  geübt,  durch  die  eine  Raumersparnis  von
250),  mit  entsprechendem  Zeitgewinn  erzielt  wird.  Über  die  ihr  im
Unterricht  und  beim  Bücherdruck  zukommende  Stellung  ist  die
Meinung  der  Fachleute  geteilt.  Die  einen  erstreben  ihre  Alleinherrschaft,
  wenigstens  von  der  Mittelstufe  ab.  Die  anderen  gewähren
ihr  nur  als  Zugabe  zur  Vollschrift  Recht  und  Raum  und  fordern
letztere  als  Druckschrift  für  alle  Schulbücher  und  für  alle  Erbauungsund
  Volksschriften,  um  die  schwächeren  Leser  nicht  zu  benachteiligen.

Der  Umstand,  daß  die  Punktschrift  für  Sehende,  mit  denen  der
Blinde  doch  möglichst  selbständig  in  Verkehr  treten  soll,  nicht  ohne
weiteres  lesbar  ist,  hat  dazu  geleitet,  die  nicht  tastbare,  farbige  Planoder
  Flachschrift  von  Hebold  festzuhalten,  deren  Zeichen  die
wenig  veränderten  lateinischen  Großbuchstaben  sind.  Diese  werden
auf  der  Heboldtafel  mit  Hilfe  eines  verschiebbaren  Lineals  hergestellt,
dessen  rechteckige  Ausschnitte  in  den  Mitten  der  Seiten  eingekerbt
sind,  um  dem  Schreibstift  die  nötigen  Anhaltspunkte  zu  schaffen.
Das  Schreibblatt  wird  auf  die  Holzplatte  gelegt,  ein  Blaublatt  darüber,
sodaß  die  Schrift  durch  den  Druck  des  senkrecht  aufgesetzten  Metallgriffels
  entsteht;  doch  können  bei  Benutzung  eines  Farbstiftes  die
Buchstaben  auch  unmittelbar  auf  das  Papier  geschrieben  werden
Die  Heboldschrift,  die  nach  dem  Gesagten  von  den  Blinden  nur  geschrieben,
  aber  nicht  gelesen  werden  kann,  ist  in  allen  Blindenanstalten
  Norddeutschlands  eingeführt  und  hat  für  den  Verkehr  mit
Sehenden  einen  hohen  Wert.  Ja,  es  kommt  sogar  vor,  dafs  cin
Blinder  in  dieser  Schrift  die  Briefe  für  seine  des  Schreibens  weniger
kundigen  sehenden  Eltern  abfaßt.

Aber  die  Heboldschrift  ist  nicht  leicht  zu  erlernen  und  erfordert
  viel  Übung.  Deshalb  wird  an  einigen  Anstalten  Süddeutschlands
  statt  ihrer  die  Kleinsche  Stachelschrift  gelehrt,  die
zwar  cine  kostspieligere  Vorrichtung  und  mehr  Raum  und  Zeit  er-